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Portrait Michael Niavarani
© Jan Frankl

Michael Niavarani – (k)ein echter Wiener

Er ist zweifelsfrei ein Wiener Original: Der 1968 in Wien geborene Niavarani, der vor allem als Kabarettist, Schauspieler und Autor für Furore sorgt und zahlreiche erfolgreiche Kultur-Formate in Wien kreiert und organisiert. Neben Kino- und TV-Auftritten und der aktuellen Podcast-Reihe "Alles außer Corona" betreibt Niavarani das altehrwürdige Kabarett Simpl in der Wollzeile sowie das Globe Wien in St. Marx. Und während der Sommermonate sorgen sein „Theater im Park“ und „Globe Wien Open Air“ für urbanen Kultur-Genuss unter freiem Himmel.

Für uns reflektiert Niavarani über vermeintlich echte Wiener, ironische Verdrossenheit, das Habsburger-Erbe und eine autofreie Innenstadt.

Warum ist Wien für Sie einzigartig?

„Ich liebe Wien wahnsinnig. Da komme ich immer mehr drauf, vor allem auch aufgrund meiner vielen Spaziergänge während der zahlreichen Lockdowns. Ich bin da erst draufgekommen, dass Wien eine unglaublich historische Stadt ist. Das weiß man zwar theoretisch, aber man geht ja zum Beispiel an einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert jeden Tag vorbei und denkt sich da steht halt ein altes Haus. Aber wenn man spazieren geht, sieht man es, googelt es und kommt zum Beispiel drauf...um Gottes Willen da hat der Schikaneder gewohnt. Und dann gehe ich manchmal konkrete Wege nach. Zum Beispiel die Stadtmauer, Stadttore, usw. Da schaue ich mir dann an, wo die genau sind.“

"Ich finde auch das Unfreundliche in Wien fantastisch"

Den oft zitierten Begriff des „echten Wieners“ – gibt’s den für Sie?

„Den echten Wiener, den gibt’s genauso wenig wie den echten Schweizer oder die echte Londonerin oder eine echte Mumbaierin. Das ist natürlich ein Klischee. In meinem Beruf ist es aber natürlich schon so – wenn man sich Komödien oder Stand-up-Comedy anschaut, dass es kulturelle Eigenheiten und spezifische Verhaltensweisen gibt. Und es gibt so etwas wie ein Lebensgefühl und das ist in jeder Stadt anders. Aber den typischen Wiener oder die typische Wienerin, die gibt’s für mich nicht.“

Dann fragen wir anders – was macht für Sie die Wiener und Wienerinnen aus?

„Das Schöne an Wien – was ich an Wien und an den Wienerinnen und Wienern so liebe – ist, dass alles immer ein bissl orsch ist, egal wie gut es ihnen geht. In Wien herrscht eine gewisse ironische Verdrossenheit, die man gar nicht so ernst nehmen muss. In Wien herrscht ein gewisser Zynismus, der gar nicht so tief gemeint ist. Dem Wiener ist ja das Euphorische eher fremd. Es kann noch so super sein, man denkt immer schon daran, dass es eines Tages nicht mehr so ist. Und das hat etwas sehr Sympathisches. Ich finde auch das Unfreundliche in Wien eigentlich fantastisch. Ich mag es wahnsinnig, wenn ein Kellner angefressen ist beim Bestellen.“

Ihr Lieblingslokal?

„Das Café Engländer.“

(Es liegt einen Steinwurf vom Kabarett Simpl entfernt, dort trifft man Niavarani öfter.)

Und was kommt dort auf den Tisch?

(Niavarani zögert nicht.)

„Natürlich das Wiener Schnitzel. Ich muss es sagen. Für mich gibt’s dort das beste Wiener Schnitzel. Und dazu gibt´s Soda Zitron oder Obi gespritzt.“

"Ich brauche die Menschen und die Gebäude"

Und Ihr Lieblingsplatzerl in Wien abgesehen von Lokalen?

„Ach, das ist so schwer. Es gibt so viele Lieblingsplätze in Wien. Durch das Spazierengehen im Lockdown habe ich mir das wieder gedacht. Aber meine Lieblingsgegend ist der ganze 1. Bezirk, alles was innerhalb der Stadtmauern war, habe ich irrsinnig gern.“

Also sind Sie in Ihrer Freizeit meistens im 1. Bezirk anzutreffen?

(Niavarani lacht auf.) „Manchmal werde ich von meiner Frau gezwungen, auch im Prater spazieren zu gehen – was mir aber auch große Freude bereitet. Ansonsten bin ich jemand, der eher durch die Stadt spaziert. Mir kommt ein Spaziergang in der Stadt, der drei Stunden dauert, kurz vor. Also wenn ich drei Stunden durch die Stadt gehe, habe ich nachher das Gefühl, ich bin eine halbe Stunde spazieren gegangen. Bei zehn Minuten in einem Wald, da glaube ich, dass ich schon drei Jahre lang nicht mehr in der Zivilisation war. Ich brauche die Menschen und ich brauche die Gebäude. Und ich brauche vielleicht sogar die Abgase der Autos, sonst fühle ich mich nicht wohl.“

Gibt es für Sie etwas, das Wien noch liebenswerter bzw. lebenswerter machen würde?

„Naja, für mich – wenn die Autofahrer endlich verstehen würden, dass das Autofahren keinen Sinn macht und die ganze Stadt autofrei wäre. Wenn man Gemälde oder Stiche aus dem 18. Jahrhundert sieht, wie breit unsere Gassen sind...da ist so viel Platz von Hauswand zu Hauswand. Wenn da keine Autos parken würden oder durchfahren würden, wären mehr Bäume, Bänke und Gastgärten – das wäre enorme Lebensqualität. Ich weiß, dass mir die Autofahrer jetzt böse sind, aber das ist mir wurscht. Ich würde dafür plädieren, dass man große Teile innerhalb des Gürtels komplett autofrei macht – die ganze Stadt wird nicht gehen, das weiß ich schon. Aber auf jeden Fall den 1. Bezirk.“

Niavarani im Video: Wien und seine Verkehrsteilnehmer

Auf seinen öffentlichen Verkehr darf Wien jedenfalls sehr stolz sein, oder?

„Ja, der öffentliche Verkehr ist großartig. Ich merke es ja in anderen Städten, wie grauenvoll es sein kann, entsetzlich. Es stinkt, wie bei uns vielleicht früher. Der englische, der Londoner Verkehr [wo Niavarani viel Zeit verbracht hat, Anm.] ist ja in Wirklichkeit Chaos. Aber bei uns funktioniert es hervorragend – mit Autobus, Straßenbahn und U-Bahn ist es wirklich hervorragend bei uns.“

Was gibt es noch, von dem Sie sagen, da darf sich Wien im internationalen Vergleich auf die Schulter klopfen?

„Naja, dass wir schlichtweg keine Slums haben. Grätzl, in denen ärmere Bevölkerungsgruppen wohnen. Dadurch, dass die Gemeindebauten über die ganze Stadt verstreut wurden – das trägt wahnsinnig zu einem positiven Zusammenleben bei. Dass man nicht gesagt hat, man legt alle Gemeindebauten in einen Bezirk. Es gibt natürlich Unterschiede zwischen den Bezirken, aber sie sind dennoch durchzogen von einer gewissen Heterogenität.“

Der Wiener Dialekt, was bedeutet der für Sie?

„Das ist die Sprache, in der ich rede. (Lacht laut auf.) Leider Gottes. Es gibt schon einen Grund, warum ich mein Lebtag lang nicht am Burgtheater gespielt habe. Weil selbst im schönsten Hochdeutsch (Sie hören – ich sage Hochdeitsch) hört man immer mein ao, das kein au ist. Das rutscht mir immer raus. Wenn ich Gedichte zitiere – was ich selten mache – da rutscht mir im schönsten Goethe-Gedicht immer wieder der Dialekt raus. Das ist einfach meine Sprache. Ich habe eine Sprachausbildung gemacht und ich kann natürlich Hochdeutsch reden, aber man hört es einfach immer. Es ist natürlich ein Unterschied, ob jemand aus Berlin oder jemand aus Wien neutral spricht. Das ist nie ganz neutral. Du hörst eigentlich immer, wo dieser Mensch herkommt. Wien und der Wiener Dialekt passen aber gut für mich zusammen. Für Außenstehende ist das Wienerische ja etwas grausam, weil´s ein bisschen tief ist, aber mein Ratschlag an alle Touristen – wir meinen es gar nicht so tief.

(Niavarani unterbricht und lacht.)

Ich hätte bereits im Simpl für ein anderes Interview sein sollen. Gut, das geht sich sowieso nicht aus.“

(Niavarani, der bekanntlich an vielen Projekten parallel arbeitet, wird immer wieder unterbrochen und kommentiert das Geschehen um ihn herum; widmet sich aber stets und umgehend wieder unserem Gespräch.)

"Wollen in Wien draußen im Sommer Theater machen"

Sie stehen – auch derzeit wieder – viel auf der Bühne. Von Ihnen organisierte Kultur-Angebote in Wien wie das „Theater im Park“ werden gefeiert. Wie hat sich aus diesem „Lockdown-Format“ aus dem Vorjahr eigentlich eine derartige Erfolgsstory entwickelt?

„Für mich ist es die prinzipielle Schönheit des Parks – der Schwarzenberg’sche Palaisgarten – sowie die Freude, im Grünen zu sitzen unter Bäumen und sich dort Theater, Musik, Komödie oder Kabarett anzuschauen. Das ist etwas zutiefst Menschliches – jemand erzählt etwas und die Leute hören zu. Das hat mich schon letztes Jahr wahnsinnig berührt, als ich hinten im Zuschauerraum gesessen bin. Das sind wir Menschen – wir erzählen einander Geschichten, unter den Bäumen geschützt vor Regen und Sonne.

Das ist das eine. Und zum anderen – voriges Jahr und das trifft ja auf heuer auch zu – ist es die Erleichterung, dass man wieder fortgehen und wieder etwas Spaß haben kann.“

Wie geht’s im nächsten Jahr eigentlich weiter? Sind Ihre Sommerbühnen gekommen, um zu bleiben oder schauen Sie einfach von Jahr zu Jahr?

„Wir waren heuer aufgrund der Umstände gezwungen – mein Partner Georg Hoanzl, unser gesamtes Team und ich – von Woche zu Woche zu schauen, wie es weitergeht. Aber prinzipiell ist die Idee, Theater draußen in Wien zu machen eine sehr verlockende. Es wäre natürlich fantastisch, auch ein großes Stück zu produzieren, wenn es dann mal geht – was heuer nicht möglich war, weil Unsicherheit geherrscht hat, wie der Sommer überhaupt ausschauen wird. Aber zum Beispiel Shakespeares Sommernachtstraum in einer komödiantischen Version zu spielen, das wäre fantastisch. Es gibt von uns auf jeden Fall den Wunsch und die Freude, in Wien draußen im Sommer Theater zu machen.“

"Erbe der Habsburger und des Kaiserreichs wirkt noch nach"

Blicken wir nochmals etwas zurück? Welche Beziehung haben Sie eigentlich zum kaiserlichen, zum imperialen Wien? Und welche Bedeutung hat das historische Erbe für die Stadt heute?

„Ich bin ja wahnsinnig in Geschichte verliebt – vor allem in die englische; und da vor allem in die ganzen Königsdramen von Shakespeare. Die Tudor- und Elisabethanische Zeit [15./16. Jahrhundert, Anm.], da kenne ich mich einfach gut aus. Während der Lockdowns habe ich viel nachrecherchiert. Wien – man darf einfach nicht vergessen, war die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reichs, die Kaiserstadt. Und das spürt man bei uns natürlich schon noch. Schönbrunn ist ja eigentlich viel zu groß für Österreich, oder die Hofburg. Ich muss sagen, ich finde es eigentlich schade, dass wir unsere Geschichte ein wenig runtermachen oder gar nicht so beachten. Da haben die Engländer ein viel innigeres Verhältnis zu ihrer Geschichte, auch zu den negativen Seiten.

(Niavarani grübelt etwas.)

Ich glaube, das Erbe der Habsburger und des Kaiserreichs wirkt noch nach. Wir haben ja beispielsweise ein bürgerliches Recht von 1811; wir haben eine Verfassung, weil es 1848 eine Revolution gegeben hat; wir schauen uns Stücke von Nestroy an, der unter der Zensur des Kaisers gelitten hat. Es wirkt für uns so als wäre 1918 ein Riesen-Einschnitt gewesen. Es war natürlich ein Einschnitt, die Monarchie war weg, Pressefreiheit da, das Gottesgnadentum ist verschwunden. Aber trotzdem gibt’s da irgendwie einen Faden, der sich durchzieht. Das sieht man zum Beispiel bei unserer Bürokratie. Oder unsere neun Bundesländer sind ein Überbleibsel aus der Habsburgermonarchie.“

Abschließend – was kann Wien für Sie aus der Pandemie mitnehmen?

„Meiner Meinung nach, dass die ganze Hektik, dieser Burnout-auslösende Fleiß, nicht notwendig ist. Wenn uns die Pandemie etwas gezeigt hat, dann, dass Fleiß keine Tugend ist, sondern ein Laster. Weil Fleiß denjenigen, der fleißig ist, kaputt macht, aber auch unsere Umwelt. Also, Wien kann ruhig weniger hektisch sein. Und Wien ist lustigerweise hektisch geworden. In den 80er-Jahren, als ich begonnen habe, viel in London zu sein, war das für mich immer so ein eklatanter Unterschied. Man kam nach Wien und hatte das Gefühl, man ist in einem kleinen Dorf. Aber in den letzten Jahren war dieser Unterschied eigentlich nicht mehr merkbar. Die Londoner Hektik ist natürlich noch größer, aber so viel Unterschied ist gar nicht mehr zu Wien. Und wenn wir aus der Pandemie die Lehre mitnehmen, dass die Hektik nicht notwendig ist, sondern, dass sie uns zerstört, dann finde ich das ganz gut.“

Interview: Maria Schaller

Weitere Informationen:

Kabarett Simpl, Globe Wien, Theater im Park

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