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Geige
© Markus Sepperer

Wie Geigen schlafen

Wir haben Bärbel Bellinghausen in ihrer Werkstatt in der Viktorgasse 22 besucht. Die Zeit scheint hier, in einer ehemaligen Molkerei, ein wenig langsamer zu vergehen. Und Zeit ist ein wichtiges Gut für die Meisterin des Geigenbaus, die wie Beethoven aus Bonn stammt und in Wien ihre Wahlheimat gefunden hat. Denn an so einer Geige arbeitet sie drei Monate. Gleichzeitig startet Bellinghausen mit ihrem neuen Projekt durch: Sie fertigt Violin-Cocoons – Stoffhüllen aus edlen Materialien zum Schutz der wertvollen Instrumente. Das Patent ist angemeldet, die Cocoons verbreiten sich bereits in der internationalen Musikerszene allein durch Mundpropaganda.

Wer in die Werkstatt eintritt, riecht das Material, in dem sich später wunderbarer Klang manifestiert: Holz. – Für Bärbel Bellinghausen schon als kleines Mädchen ein Faszinosum, wenn sie in die Tischlerwerkstatt des Großvaters durfte. Die Holzauswahl ist der erste Schritt im Instrumentenbau. Gewicht und Dichte sind entscheidend, ob speckig oder trocken. Es braucht übrigens bloß 420 Gramm Holz für eine Geige – in etwa so viel wie vier Stück Sachertorte, um einen Wiener Vergleich zu bringen.

Knock on Wood

Bellinghausen schlägt und entrindet ihr Holz selbst. Mithilfe eines wiederholten Klopftests passt die Geigenbauerin den Moment ab, an dem sie die Decke des Instruments für fertig befindet und den Hobel beiseitelegt. Überdurchschnittliches Gehör und Musikverständnis sind genauso gefragt wie sensible Fingerspitzen, um Spitzeninstrumente wie jene aus ihrer Werkstatt zu formen. Jahrelange handwerkliche Erfahrung, aber auch Neugierde und persönliche Weiterentwicklung machen aus Instrumentenbauern selbst Künstler. Das wissen die Musiker zu schätzen, die ein ganz besonderes Verhältnis zum Erschaffer ihres Instruments haben. Der Geigenbauer weiß, was sein Instrument, sein "Kind", kann. Keine zwei Geigen klingen gleich – das unterscheidet Handwerk von Fließband.

Auf das "Geheimnis" des Geigenbaus angesprochen, meint Bellinghausen: "Was für den Klang verantwortlich ist, ist unsichtbar – im Inneren verbaut. Bassbalken, Stimmstock. Ein wenig wie eine Blackbox, deren Funktionsweise sich auch nicht sofort erschließt. Ich entscheide über die Wölbung und die Stärke, bestimme jedes kleinste Detail der Form. Und: Ja, eine Bellinghausen klingt wie eine Bellinghausen."

Auch der Lack ist entscheidend. Jeder Geigenbauer hat seine eigene, gut gehütete Rezeptur. Die Grundzutaten sind Leinöl und Fichtenharz – dazu kommen noch Balsame und ätherische Öle.

Perfektion seit 300 Jahren

Bellinghausen erzählt, dass die berühmten klassischen Instrumente à la Stradivari oder Guarneri bereits perfekt erfunden waren. Da geht nichts drüber, an ihnen orientieren wir uns heute. Neue Instrumente sind jedes Mal eine Interpretation davon. Wer eine Bellinghausen-Geige möchte, muss sich auf eine dreijährige Wartezeit einstellen. Die rund 20.000 Euro teuren Individualanfertigungen sind gefragt. Es ist ein Privileg für einen Musiker, sich ein Instrument für genau seine Ansprüche anfertigen zu lassen. Eine Geige für einen Profi-Konzertviolonisten etwa klingt für einen Anfänger wahrscheinlich gar nicht so angenehm am Ohr – sie ist konzipiert für einen raumfüllenden, starken Klang.

Ein Bett für Geigen

Eine zweite, jüngere Liebe der Geigenbauerin ist ihr Unternehmen ViolinCoocon Vienna – denn hochwertige Instrumente verdienen ebensolche Hüllen. Die aus Außenhülle und Innenfutter aufgebauten Cocoons regulieren Schwankungen in der Luftfeuchtigkeit, federn thermische Schocks ab und ummanteln sanft die empfindlichen Oberflächen. Und sie sind eine wahre Freude zum Ansehen und Berühren.

Es ist erstaunlich, dass sich bisher niemand Gedanken gemacht hat über das ewige Dilemma von Profimusikern: Gastspiele führen sie auf die Konzertbühnen der ganzen Welt, doch die Zeit, die ein Instrument braucht, um sich auf das neue Klima einzustellen, ist meist nicht gegeben. Ein Horrorszenario etwa: Die hölzernen Wirbel, die passgenau im Wirbelkasten stecken, lösen sich alle gleichzeitig wegen des Luftfeuchtigkeitsunterschieds – kurz vor dem Auftritt. Die ViolinCocoons können dem Instrument schützend Gutes tun.

Edle Stoffe für edles Holz

Die Cocoons werden als Unikate oder in Kleinserien in Wien nachhaltig und fair von Hand genäht. Inzwischen nicht mehr nur selbst von Bärbel Bellinghausen, sondern von einer Initiative, die gehörlose Näherinnen beschäftigt. Cocoon-Aufträge sind dort besonders beliebt, da dabei so exzeptionell Schönes entsteht, mit hochwertigen Ausgangsmaterialien. Die verschiedenen Modelle bestehen aus Seide, Satin, traditionellen österreichischen Trachtenstoffen, Jersey, Brokaten, Alcantara, Wolle, Hirschleder und farbenfrohen Modestoffen.

Echte Hingucker sind etwa die Cocoons aus authentischen Vintage-Kimonoseiden. Bärbel Bellinghausen zeigt die vier gleich breiten Stoffbahnen, aus denen so ein historischer Kimono besteht. Vier hängen derzeit in ihrem Cocoon-Werkstatt-Raum. Sie kombiniert probeweise verschiedene einfärbige Seiden in Kontrast dazu, holt weitere Stoffe und zeigt fertige Entwürfe. Dann legt sie mit geübtem, vorsichtigem Griff eine Geige hinein: ein schöner, sehr sinnlicher Moment.

Zwei Welten sind es, in denen Bärbel Bellinghausen Meisterhaftes hervorbringt – doch letztlich zählen beide zur hohen Schule der Handwerkskunst, made in Vienna.

Text: Susanna Burger

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Bärbel Bellinghausen Violins ViolinCocoon Vienna

Viktorgasse 22/18
1040 Wien
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