Portrait Katharina Adler
© Christoph Adler

Dora reloaded

Haben Sie schon einmal etwas von Dora, Ida oder Katharina gehört? Der Fall Dora war eine von Freuds berühmtesten Fallgeschichten. Aber Dora hieß eigentlich Ida. Und ihre Urenkelin Katharina hat ein Buch über sie geschrieben.

Ida Adler, geborene Bauer (1882-1945), wurde durch Freuds Werk "Bruchstück einer Hysterie-Analyse" (1905) zu einer der bekanntesten Patientinnen des 20. Jahrhunderts. Die 18-jährige Ida begann aufgrund von mehrfachen Auseinandersetzungen mit ihren Eltern und wiederholten Suiziddrohungen eine Therapie in der Berggasse 19. Doch Freuds Analyse wurde bereits nach elf Wochen durch Ida selbst beendet. 1901 geschrieben, aber erst 1905 erschienen, bildet Freuds Werk die Brücke zwischen der "Traumdeutung" (1900) und den "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905).

Mit "Ida" gibt die Münchner Autorin Katharina Adler erstmalig ihrer Urgroßmutter eine eigene, unverkennbare Stimme und zeigt, wie selbstbestimmt und mutig Ida ihren Weg ging. Wir haben die Schriftstellerin interviewt.

Frau Adler, lassen Sie uns durch die Zeit reisen: Sie dürfen Ida treffen und suchen sich einen Ort und bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben aus. Wo und wann wäre das und vor allem, was würden Sie Ida gerne fragen?

Katharina Adler: Auch wenn jeder Zeitpunkt ihres Lebens für mich unglaublich interessant wäre, würde ich sie vielleicht um 1934 besuchen, gerade noch als sie in der Vegagasse in Döbling lebt. Dort hat Ida Salons abgehalten und viele Jahrzehnte gelebt. Ich würde sie dann einfach erzählen lassen wollen, einerseits würde ich hoffen viel Persönliches zu erfahren, und andererseits wäre ich gespannt auf ihre politische Einschätzung der Lage. Ihr Bruder Otto (Otto Bauer war ein bekannter Politiker und Begründer des Austromarxismus, Anm.) ist gerade während der Februarkämpfe aus Österreich vertrieben worden, die Sozialdemokratie wurde verboten. Ihre Sicht darauf würde mich ungemein interessieren.

Ida ist aufmüpfig, willensstark und manchmal ziemlich vorlaut – kurzum, sie hat Charakter. Eine Eigenschaft, die damals bei jungen Mädchen nicht gerade geschätzt wurde. Wie würden Sie Ida mit Ihren eigenen Worten beschreiben? Haben Sie sich manchmal vielleicht sogar selbst in Ida wiedergefunden?

Adler: Ja, Ida hat ihren eigenen Kopf und einen hervorragenden Kompass dafür, was für sie stimmt und was nicht. Instinktiv lehnt sie sich gegen das patriarchale System auf, das sie missbraucht und ihr dabei zugleich einredet, sie solle das entweder gut finden, oder sie bilde sich die Repressalien und Übergriffe nur ein. Anstatt daran zu zerbrechen, wird Ida nur widerständiger und geht – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – ihren eigenen Weg. Ich hoffe schon, dass ich auch davon etwas in mir habe. Und ich muss auch sagen, gerade die Passagen, in denen sich Ida nicht fügt, eigenwillig ist, ja manchmal sogar kratzbürstig, haben mir beim Schreiben des Romans besonders große Freude bereitet.

Sie haben Ida, aber auch Idas Geschichte, mit Ihrem Buch eine eigene Stimme gegeben, sie dadurch auch ein Stück weit von Freud und seinem "Bruchstück einer Hysterie-Analyse" emanzipiert. Wie haben Sie Idas Stimme in sich selbst gefunden?

Adler: Das war ein langer Weg, der alles in allem zehn Jahre gedauert hat. Ich habe mehrmals neu angesetzt. Immer wieder ausprobiert. Und dann eines Tages hatte ich die Figur Ida plötzlich vor Augen, habe ihre Stimme gehört. Und zwar in dem Moment, als ich sie abseits von ihrer Beziehung zu Freud imaginiert habe. Ganz konkret als meine Urgroßmutter, die in Beziehung zu Menschen steht, die ich auch selbst noch erleben durfte: meine Großeltern, ein guter Freund meines Großvaters. Sie alle haben zu Beginn des Romans einen Auftritt und meine Kindheitserinnerungen an sie haben mir geholfen, schließlich zu Ida zu finden.

"Ida" ist nicht chronologisch aufgebaut. Wie wichtig war es Ihnen, zwischen ihren unterschiedlichen Lebensphasen hin- und herzuwechseln?

Adler: Schon ganz zu Beginn meines Schreibvorhabens hatte ich den klaren Plan, Idas Geschichte nicht chronologisch zu erzählen, sondern in Bruchstücken, wie auch Freud seine Krankengeschichte über Ida "Das Bruchstück einer Hysterie-Analyse" genannt hat. Bei Freud bezieht sich das Bruchstück darauf, dass er keine ganze Analyse beschreibt, da Ida ja ihre Kur abgebrochen hat. Bei mir sind die Bruchstücke ein immer wieder neues Ansetzen ihre Lebensgeschichte zu erzählen, ohne dabei zu psychologisieren. Ich wollte nicht mit ihrer Kindheit beginnen, die dann die direkte Begründung dafür liefert, wie sich Ida später in ihrem Leben verhält. Ich denke, das geschieht im Kopf der Leser*innen ohnehin, aber ich wollte diese Kausalkette im Erzählen durchbrechen. Jedes ihrer Lebensalter steht für sich.

Natürlich bekommt auch Freud in "Ida" seine Bühne. Für den "Herrn Doktor" wurde aus Ida Dora und sie dadurch weltberühmt. Und das obwohl Ida die Behandlung bereits nach elf Wochen abbrach und Freud mit dieser Entscheidung ziemlich vor den Kopf stieß. Glauben Sie, dass diese elf Wochen Ida ein Leben lang begleitet haben?

Adler: Das war eine Frage, die mich die ganze Zeit, während ich den Roman geschrieben habe, umgetrieben hat. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass sie diese Episode bei Freud bestimmt nie vergessen hat. Doch manchmal hat sie eine größere Rolle in ihrem Leben gespielt und manchmal gab es anderes Wichtigeres. Ich bin mir relativ sicher, dass sie gewiss niemals bereut hat, die Kur abzubrechen. Und zugleich könnte ich mir vorstellen, dass es sie überrascht hat, wie berühmt dann dieser Doktor aus der Berggasse geworden ist. Diese Überraschung über Freuds anhaltende und internationale Berühmtheit erzähle ich auch auf den ersten Seiten des Romans. Ida ist in den USA und wird plötzlich mit der Psychoanalyse und Freud konfrontiert, der in der High Society gerade gefeiert wird. Das kommt für sie vollkommen unerwartet und ganz nachvollziehen kann sie die Begeisterung auch nicht – und das aus ihrer Warte vollkommen zurecht.

Frau Adler, danke für das Gespräch. 

Ida Adler (geb. Bauer) 

  • 1882 in Wien geboren; 1945 in New York City gestorben 
  • Ida Adler war die Schwester des bekannten österreichischen Politikers Otto Bauer
  • Ida erlangte Bekanntheit als Patientin von Sigmund Freud ("Fall Dora") 

Katharina Adler

  • 1980 in München geboren 
  • "Ida" war Katharina Adlers Debütroman, sie schreibt u.a. auch für die Süddeutsche Zeitung 
  • "Ida" gewann den Bayrischen Kunstförderpreis für Literatur 2019

Buchtipp "Ida"

  • erschienen im Rowohlt Buchverlag
  • 512 Seiten
  • Preis: € 25,- (gebundene Ausgabe); €12,40 (Taschenbuch)
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