Museumsdepot des Leopold Museum mit Blick auf Gemälde, die auf Gitterwänden hängen
© Leopold Museum/Lisa Rastl

Im Verborgenen

Egal ob Malerei, Skulptur, Fotografie oder Performance. Normalerweise sind wir es gewohnt Kunst perfekt ausgeleuchtet, in meterhohen weißen Räumen und im Rahmen einer Ausstellung präsentiert zu bekommen. Es gibt ein Thema, einen roten Faden, eine Auswahl an Werken. Doch hier steckt es schon im Detail: Was wir sehen ist und bleibt eine Auswahl. Und diese wird meist im Verborgenen getroffen. Dort wo tausende und abertausende Kunstwerke lagern – und darauf warten wiederentdeckt, mehr noch, endlich wieder gesehen zu werden – im Depot.

Newcomer hängen hier neben altbekannten Meistern. Abstrakte Malerei neben Renaissance-Gemälden. Ein buntes Sammelsurium in wohl temperierten Räumen. Um mehr über die Geschichte der Kunstdepots zu erfahren, lohnt es sich einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Früher, als bekanntlich alles anders war, ließ man die geballte Fülle seiner Sammlung für sich sprechen. "Mehr ist mehr" war in Mode, man zeigte was man hat. Dementsprechend eng und dicht präsentierten die Museen stolz ihre Kunstschätze aus aller Welt.

Doch mit der Zeit veränderte sich nicht nur die Kunst, sondern auch die Hängung und Aufstellung der Objekte. Die Räume wurden heller, man reduzierte die Werke und gestaltete die Ausstellungen weitläufiger. Die Kunst sollte atmen, durfte für sich selbst wirken und individuell erlebt werden. Dadurch ergab sich zwangsläufig eine Überbelegung der Depots und einhergehend die Erkenntnis, dass Kunstspeicher für die Bewahrung und Konservierung der Kunst für die kommenden Generationen an enormer Wichtigkeit gewinnen und von unschätzbarem Wert für jede Sammlung werden würden.

Kunst, bewahre! 

Wer Depot sagt, sollte also auch Architektur oder besser noch nachhaltige Bauweise sagen. So hat sich das Depot, ganz salopp formuliert, von der Kunstabstellkammer der Jahrhundertwende zu einem Hightech-Labor des 21. Jahrhunderts verwandelt. Aus einem Ort der Bewahrung von Kunst wurde ein Ort der Forschung und Wissenschaft. Das Kunsthistorische Museum Wien hat seit 2011 den richtigen Rahmen für die eigene Sammlung gefunden. Einen Großteil seiner knapp vier Millionen Museumsobjekte beherbergt es im eigenen Depot der Superlative in Himberg bei Wien. Neben Räumen für Restaurierung und Forschung, Stickstoffbegasung oder Qurantäne gibt es auch einen eigenen Fotoraum zur digitalen Erfassung und Erforschung der Depotbestände. Dabei steht die optimale Lagerung der Objekte immer an erster Stelle.

Klima, Kunst und Kisten

Mitunter das wichtigste Thema im Depot? Das Klima. Denn die größten Schäden an konservierten Kulturgütern passierten weltweit durch den Ausfall moderner Gebäudetechnik, wie zum Beispiel durch Klimaanlagen. Auch die Sammlung des Wien Museum fand 2013 am Stadtrand ein neues Zuhause. Über eine Million Objekte lagern auf rund 12.000 m2. Energieeffizienz und Nachhaltigkeit stehen auch hier hoch im Kurs. Das Depot setzt auf die so genannte Betonkernaktivierung. Dabei werden Rohre in Betondecken in einem dichten Raster verlegt, durch die kaltes oder warmes Wasser strömt. So werden die Decken entweder gekühlt oder geheizt und speichern (ähnlich einem Kachelofen) die Temperatur, die sie dann wieder langsam an den Raum abgeben. Dieses träge Raumklima sorgt für optimale Bedingungen für die Lagerung von unterschiedlichsten Museumsobjekten. Denn gerade das Wien Museum benötigt mit seiner umfangreichen Sammlung, die von archäologischen Artefakten über Totenmasken oder Kleidungsstücken bis hin zur zeitgenössischen Kunst reicht, verschiedene klimatische Anforderungen.

Aus dem Verborgenen schöpfen

Als eines der wenigen Museen wurde das Kunstdepot des Leopold Museums gleich direkt in den Museumsbau integriert. Heute finden hier im Kubus aus weißem Muschelkalk rund 7.400 Werke ihren Platz in insgesamt fünf Räumen. Für Direktor Hans-Peter Wipplinger ist das Depot aber viel mehr als reine Kunstverwahrung. Immer wieder zieht es ihn dort an ganz besondere Ecken: "Beispielsweise in die Möbelabteilung. Dort befinden sich nicht in der Dauerpräsentation gezeigte Designs von Josef Hoffmann, Koloman Moser oder Joseph Urban. Oder auch die Abteilung für afrikanische und ozeanische Kunst, deren ethnografische Objekte ein rätselhaftes, poetisches Kraftfeld bedeuten." Die dort aufbewahrten Werke liegen der Sammlung von Rudolf und Elisabeth Leopold zugrunde, die einst inmitten ihrer Kunstsammlung lebten. Diese reichte vom Biedermeier und Stimmungsimpressionismus über Secessionskunst und Expressionismus bis zur Neuen Sachlichkeit. Aber auch als Quell der Inspiration für neue Ausstellungskonzepte diente das Depot seit jeher.

Kunst zu bewahren, bedeutet auch immer, dass man sie vor den Menschen verbirgt. Und genau das ist es, was Depots und die darin schlummernden Objekte so faszinierend und so fesselnd macht.

Text: Julia Perkhofer

Noch mehr coole Storys, spannende Interviews und kuriose Geschichten über Wien gibt´s im neuen Vienna, Intl.

 

Kunsthistorisches Museum Wien

Maria-Theresien-Platz
1010 Wien

 

Teilen, bewerten und Feedback
Artikel bewerten
Artikel weiterempfehlen

Mit * gekennzeichnete Felder sind verpflichtend.
Die angegebenen Daten und E-Mail-Adressen werden nicht gespeichert oder weiterverwendet.

Von
an
Feedback an die wien.info Redaktion

Mit * gekennzeichnete Felder sind verpflichtend.

Anrede *