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Eva Menasse

Eva Menasse: Der zerbrochene Ring (Lese- & Hörprobe)

Der zerbrochene Ring

Wien hat einen Ring und einen Gürtel. Das finden Fremde meistens lustig. Einem Wiener Kind hingegen kommt das nicht lustig vor, sondern normal, wie ein Naturgesetz, das sich geradezu körperlich nachempfinden lässt. Es ist dabei völlig unerheblich, dass es historische Erklärungen, nämlich Stadtmauern und Verteidigungslinien, für die Bezeichnungen und den Verlauf dieser beiden Straßen gibt und dass es andere alte Städte gibt, die aus demselben Grund rund sind – denn nirgends ist es so manifest wie in Wien, meiner Heimatstadt: Der Ring hält den Kopf und der Gürtel den Bauch in Form und in Stand. Und weil man der Welt lieber seinen Kopf zeigt als den Bauch, machen es auch die Wiener so, kein Wunder, denn am Ring fädeln sich die Prunkbauten auf, am Gürtel die Prostituierten.

Ein Ring für den Kopf, das ist eine Krone. Die ist fest, hart und unveränderlich, während ein Gürtel flexibel ist. Wem seine Krone nicht passt, weil sie drückt oder rutscht, der hat ein Problem. Doch selbst Könige können wie jedermann ihre Gürtel weiter oder enger schnallen. Auch das beschreibt vortrefflich diese beiden Straßen, Ring und Gürtel, die eine in Stein gehauene Ewigkeit, die andere im hysterischen Fluss. Der Ring ist gut für Bildbände, der Gürtel für Sozialreportagen. Am Ring macht man Sightseeing, am Gürtel Liebe, am Ring wird man vor Schönheit trunken, am Gürtel vom Schnaps. ...

aus: 1865, 2015. 150 Jahre Wiener Ringstraße. Dreizehn Betrachtungen.
192 Seiten, Metroverlag, Wien 2014 (ISBN 978-3-99300-175-9), 19,90 €

Der zerbrochene Ring

Wien hat einen Ring und einen Gürtel. Das finden Fremde meistens lustig. Einem Wiener Kind hingegen kommt das nicht lustig vor, sondern normal, wie ein Naturgesetz, das sich geradezu körperlich nachempfinden lässt. Es ist dabei völlig unerheblich, dass es historische Erklärungen, nämlich Stadtmauern und Verteidigungslinien, für die Bezeichnungen und den Verlauf dieser beiden Straßen gibt und dass es andere alte Städte gibt, die aus demselben Grund rund sind – denn nirgends ist es so manifest wie in Wien, meiner Heimatstadt: Der Ring hält den Kopf und der Gürtel den Bauch in Form und in Stand. Und weil man der Welt lieber seinen Kopf zeigt als den Bauch, machen es auch die Wiener so, kein Wunder, denn am Ring fädeln sich die Prunkbauten auf, am Gürtel die Prostituierten.

Ein Ring für den Kopf, das ist eine Krone. Die ist fest, hart und unveränderlich, während ein Gürtel flexibel ist. Wem seine Krone nicht passt, weil sie drückt oder rutscht, der hat ein Problem. Doch selbst Könige können wie jedermann ihre Gürtel weiter oder enger schnallen. Auch das beschreibt vortrefflich diese beiden Straßen, Ring und Gürtel, die eine in Stein gehauene Ewigkeit, die andere im hysterischen Fluss. Der Ring ist gut für Bildbände, der Gürtel für Sozialreportagen. Am Ring macht man Sightseeing, am Gürtel Liebe, am Ring wird man vor Schönheit trunken, am Gürtel vom Schnaps. ...

Hörprobe: Der zerbrochene Ring

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