Porträtfoto von Tiergarten Schönbrunn Direktor Stephan Hering-Hagenbeck
© Daniel Zupanc

"Für die Tiere hat sich nichts geändert"

Der Tiergarten Schönbrunn ist ab 15.5.2020 wieder geöffnet.

Der Tiergarten Schönbrunn zählt jedes Jahr über zwei Millionen Besucher. Doch im ältesten Tiergarten der Welt und besten Zoo Europas spielt sich der animalische Alltag seit vielen Wochen ohne Besucher ab. Was die Situation für die Tiere bedeutet, warum eine lange Schließung für einen Zoo eine besondere Herausforderung ist und wie es im Tiergarten weitergeht, hat uns Tiergarten-Direktor Stephan Hering-Hagenbeck erzählt.

Herr Hering-Hagenbeck, wie fühlt es sich an, durch einen seit Wochen menschenleeren Zoo zu gehen?

Es ist zweifelsohne ein seltsames, fast surreales Gefühl. Dort, wo sich sonst begeistert Kinder und ihre Familien bewegen, um Robbe, Tiger und Eisbär zu beobachten und zu erleben, herrscht derzeit gähnende Leere. Aber der Alltag hat sich nicht nur im Tiergarten verändert, sondern in vielen Bereichen unseres Lebens. Der Frühling im Tiergarten ist für mich persönlich eine besonders schöne Zeit: das frische Grün, blühende Tulpen und zahlreiche Jungtiere, die das Licht der Welt erblickt haben. Nachwuchs gibt es zum Beispiel bei Kattas, Mhorrgazellen und Vietnam-Sikahirschen. Und unser Eisbären-Mädchen Finja ist schon wieder ein gutes Stück gewachsen – aber die Besucher fehlen! Natürlich erreichen uns auch viele Nachrichten enttäuschter Tiergartenfans, die uns und insbesondere unsere Tiere derzeit nicht besuchen können.

Verhalten sich die Tiere dieser Tage anders?

Die Corona-Krise bedeutet für mein Team eine große Herausforderung und Umstellung. Für die Tiere hat sich dagegen wenig geändert. Die Pfleger versuchen die sonst für Abwechslung sorgenden Besucher durch noch mehr Beschäftigung zu kompensieren. Für Zootiere sind die Besucher ein Teil ihres Lebens. Sie gehören zu ihrem Alltag dazu. Die heimischen Wildtiere dagegen scheinen die derzeitige Situation auszukosten. Man begegnet jetzt häufiger Enten, die ihre Schlafpause mitten auf den Besucherwegen oder auf der Wiese vor dem Kaiserpavillon machen.

Was ist das besonders Schwierige an der augenblicklichen Situation? Mit welchen Herausforderungen sind Sie konfrontiert?

Die Zeit ist derzeit für alle wirtschaftlich geführten Betriebe eine ganz besondere Herausforderung! Für zoologische Gärten verschärft sich die Situation insbesondere durch den Umstand, dass ein Großteil unserer Betriebskosten weiterläuft. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr gut gewirtschaftet und ich bin in diesem Zusammenhang meiner Vorgängerin sehr dankbar. Nichtsdestotrotz müssen wir jetzt auf die Rücklagen zurückgreifen, die eigentlich für unser neues Großaquarium-Projekt angespart waren. Bis auf die fehlenden Besucher merken unsere Tiere nichts von der Krise. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass ein Großteil der Kosten, wie z.B. Personalkosten, Futter- und Energie- wie auch Instandhaltungskosten, weiterläuft. Daher sind wir all unseren Unterstützern sehr dankbar. Auch in diesen schwierigen Zeiten unterstützen viele Menschen unsere Tiere durch Spenden und Patenschaften.

Was bedeutet das derzeitige Szenario für Ihre Mitarbeiter?

Ich bin jedem einzelnen in meinem Team sehr dankbar, denn es ist für jeden eine sehr herausfordernde Zeit. Seit 1. April sind 70 Prozent unserer Belegschaft in Kurzarbeit. Wir haben unsere Unternehmensstruktur sehr schnell an die neuen Herausforderungen anpassen können. Vor Ort im Tiergarten sind nur jene Mitarbeiter, die für die Versorgung der Tiere und Instandhaltung der Anlagen notwendig sind: Tierpfleger, Tierärzte, zoologische Kuratoren, Techniker und Handwerker. Jeder Bereich wurde in unabhängige Teams aufgeteilt, die abwechselnd ihren Dienst versehen. Nur durch mein großartiges Team können wir diese Ausnahmesituation meistern. Jeder war sofort bereit, sich auf die neuen Gegebenheiten einzulassen. Ein großes Glück ist, dass bisher keiner aus dem gesamten Team an dem Virus erkrankt ist. Dies ist nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen, dass alle Mitarbeiter sehr verantwortungsvoll mit der Situation umgehen.

Wie sieht es mit einem Ersatzprogramm aus? Kann der virtuelle Raum eine Alternative zum Zoobesuch sein?

Der virtuelle Raum ist für uns nur sehr eingeschränkt eine vernünftige Alternative. Als zoologischer Garten stehen wir für das wahre Erlebnis. Mit allen Sinnen! Wir haben unser Tiererlebnis im virtuellen Rahmen sofort nach der Schließung des Tiergartens intensiviert. Mit der Aktion „Von Tier zu dir – Grüße aus dem Tiergarten Schönbrunn“ bringen wir den Tiergartenfans unsere Tiere über die Sozialen Medien mit Fotos und Videos nachhause. Die Aktion ist ein großer Erfolg, da sehr viele Menschen unsere Tiere vermissen und über das Leben im Tiergarten am Laufenden bleiben möchten. Und: Weil Tiere natürlich ein sehr positiver Content sind, den wir derzeit wohl alle gut brauchen können. Aber das wahre Erlebnis eines Tiergartenbesuches kann auch ein sehr gut präsentiertes virtuelles Erlebnis nicht ersetzen.

Auf was freuen Sie sich am meisten, wenn die Krise überstanden ist?

Ich freue mich schon darauf, wenn all das, was wir früher als selbstverständlich empfunden haben, wieder zumindest ein Stück weit zurück ist und wir aus der Zeit der Krise mitnehmen, all das mehr schätzen zu lernen. Für den Tiergarten Schönbrunn freue ich mich natürlich besonders darauf, wenn wir unserer Kernaufgabe wieder nachkommen können, die Menschen für und mit unseren Tiere zu begeistern und sie für den Natur- und Artenschutz zu gewinnen.

Tiergarten Schönbrunn Eingang über Hietzinger Tor/Hietzinger Hauptstraße

Schönbrunner Schlosspark, 1130 Wien
  • Vienna City Card

  • Öffnungszeiten

    • täglich, 09:00 - 17:30
  • Barrierefreiheit

    • Haupteingang
      • stufenlos (Schwingtüre )
    • Parkplätze Haupteingang
      • Behinderten-Parkplätze vorhanden
        Elisabethallee, Eingang Tirolerhof
    • Weitere Informationen
      • Blindenhunde erlaubt
      • Behinderten-WC mit barrierefreiem Zugang vorhanden.
    • Spezielle Angebote für Menschen mit Behinderung

      Auf Anfrage spezielle Führungen für Menschen mit Behinderung und besonderen Bedürfnissen.

    • Anmerkungen

      Zugang zu den Ausstellungsräumen und Restaurant/Café stufenlos bzw. über Rampen.

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