Illustration zum Thema Psychogramm der Wiener:innen

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Das Psychogramm der Wiener:innen

Je nachdem, wen man fragt, ist Wien ein Dorf oder eine Weltstadt. Stolz nimmt man zur Kenntnis, dass Wien immer wieder als lebenswerteste Stadt der Welt ausgezeichnet wird; das ist gut fürs Ego. Gleichzeitig wirkt etwas anderes immer noch nach: die Monarchie. Als übermächtige Vergangenheit drückt sie auf die Psyche und sorgt in der Stadt von Sigmund Freud für Ambivalenzen, die am Seelenfrieden nagen wie die Biber an den Bäumen der Donauinsel: Immer ist was – und das schlägt sich in speziellen Gemütszuständen nieder. 

Als Grant, als spezieller Schmäh, in Obrigkeitshörigkeit oder bürokratischem Denken. Dabei erscheinen die Wiener:innen wie gefangen zwischen der Moderne und dem immateriellen Erbe der Vergangenheit. Sie sind herzlich, wenn man sie lässt, und modern, wenn sie wollen, gleichzeitig missmutig und unterwürfig, sobald ein Amt involviert ist. Lesen Sie hier eine kleine Wurzelkunde über die Eigenarten des Wiener Wesens.

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© Irene Martinez-Soler

Die Wiener Titelhörigkeit 

Anständige Wiener:innen finden die Titelkultur lächerlich – aber nur so lange, bis er oder sie selbst einen erhält. Die Qualifikation hinter manch einem Namenszusatz mag bescheiden sein, doch es ist die Strahlkraft, die zählt. 

Die Wiener:innen lieben Titel, egal ob akademische Titel, Amtstitel oder Ehrentitel. Es sind Relikte aus der Monarchie: Um den Beamtenapparat bei Laune zu halten, wurden sie vergeben wie Hostien in der Messe. Wer zugegen war, wurde versorgt. Derart Bedachte trugen ihren Namenszusatz stets mit Stolz; ihr Geburtsname geriet nicht selten ins Hintertreffen. Das wirkt nach. 

Titel sind Ausdruck eines Hierarchiedenkens ebenso wie Zeichen subtiler Respektlosigkeit. Denn aus mancher Gattin eines Direktors wird eine Frau Direktor, selbst wenn diese keine solche Funktion ausübt: das amtliche Siegel der Ehe reicht zur Selbstermächtigung. 

Doch selbst korrekt erlangte Titel umwehte nicht immer die Autorität der Qualifikation: Denn manch Beamtentitel verlangten keine akademische Befähigung. Es reichte, nichts Falsches zu tun, aber das möglichst lange. Beamte konnten aufsteigen, ohne sich zu bewegen, sich Titel einfach ersitzen. Und selbst in den Künsten wird ein langer Atem belohnt. 

Wer in Wien zum Kammersänger ernannt wird, genießt beim Publikum womöglich durchaus Ansehen. Selbst wenn dieser Titel nur signalisiert, dass da jemand in langen Jahren seines Wirkens nie ein Lied gegen die Autorität gesungen hat. Auch ein Talent.  

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© Irene Martinez-Soler

Der Wiener Grant 

Der Grant ist eine besondere Form des Wiener Missmuts. Er gehört zur Basisausstattung seiner Bewohner:innen und bedarf keines besonderen Grunds. Irgendwo wird schon ein Haar in der Suppe schwimmen.  

Die Wiener:innen sind leidenschaftlich grantig. Der Grant ist ein österreichisches Synonym für Missmut, der als diffuse Unzufriedenheit den Alltag prägt. Entsprang er einst der Unzufriedenheit gegenüber der Monarchie, richtet er sich gerne gegen Dinge, die nicht zu ändern sind: das Wetter, den Lauf der Zeit, das Dasein als solches. 

Die Formen des Grants reichen vom charmanten Nörgeln, Sudern und Raunzen bis zur herzhaften Boshaftigkeit. Es ist ein Schwarzmalen mit grauer Farbe, das oft mehr über die Person sagt als über das Sujet der Beschwerde. Man will ein Haar in der Suppe finden, selbst wenn man weiß, dass der Koch ein Glatzkopf war. Es dennoch zu suchen, ist der Ehrgeiz jeden wahren Grantlers. Ein Beispiel? Als Wien wieder einmal zur lebenswertesten Stadt der Welt ernannt wurde, kommentierte dies ein Bewohner mit dem Satz: „Wahrscheinlich ist es anderswo noch schlimmer.“ 

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© Irene Martinez-Soler

Konsensorientierung 

Nur weil sie es nicht so zeigen können, heißt das nicht, dass Wiener:innen nicht kompromissfähig sind. Denn erst der Konsens bietet jene Zufriedenheit, in der sich die Wiener Gemütlichkeit so entfalten kann, wie man es gerne hat.  

Manche nennen es Harmoniesucht und werten Kompromisse als halbe Niederlagen, in Österreichs Politik aber, da zählt ein erzielter Konsens so viel wie ein Tor in der Champions League. Selbst der Bundespräsident bezeichnet den Kompromiss als jenes Talent, das dem Land Wohlstand und Ansehen eingebracht hat. Das war nach zwei Weltkriegen und einem Bürgerkrieg ein steiniger Weg zur Erkenntnis.  

Dabei wurzelt die Konsenspolitik der Gegenwart in der Monarchie, als es galt, einen Vielvölkerstaat friedlich zu regieren. Die Geschichte lehrt uns, dass sich ein Konsens nicht immer herstellen lässt, die Suche danach aber nie falsch ist. 

Im Wiener Alltag zeitigt das eine Diplomatie zwischenmenschlicher Gemütlichkeit und Umgangsformen, in denen man sich erst festlegt, wenn man alle - oder die meisten - im Boot hat: Versöhnen mit allen Mitteln scheint das Gebot zu lauten.  

Der Konsenswille ist so stark, dass man sich im Föderalismus lieber gegenseitig blockiert, anstatt einen Bruch zu provozieren. Dieses Geben und Nehmen besitzt als politisches Nullsummenspiel zwar oft operettenhafte Züge, vermittelt aber Stabilität. Selbst wenn es nur ein ersehntes Gefühl ist, das sich schwer fassen lässt. Aber damit lebt man in einem Land ganz gut, in dem man überzeugt ist, einen unschlagbaren Trumpf im Ärmel zu haben: das gewisse Etwas. 

Bürokratisches Denken 

Die Bürokratie bringt Wiener:innen regelmäßig an die Grenzen ihrer Frustrationstoleranz. Dabei haben sie das komplexe und komplizierte eines üppigen Regelwerks längst in ihrem Wesen verinnerlicht.  

Wiener:innen haben für jedes kleine Problem eine komplizierte Lösung parat. Denn als Erben der Monarchie sind sie an das Regelwerk einer üppigen Bürokratie gewöhnt; und das beschert ihnen ambivalente Gefühle. Da gibt es einerseits Schikanen und eine Amtssprache, die zum Haare-Raufen ist. Doch unter all den Gesetzen vergraben bietet die Bürokratie für fast jedes Problem ein Regelwerk und die passenden Lösungen.  

Zähneknirschend akzeptiert man das und merkt gar nicht, wie sehr einem das bürokratische Denken selbst in Fleisch und Blut übergegangen ist: als paragrafenintensive Hassliebe. Man weiß, dass der Amtsweg öfter belohnt als bestraft wird, doch gegen seine Mühen stemmt man sich mit aller Kraft. Dabei ist die Effizienz moderner Ämter erstaunlich. Zumindest dann, wenn man sich erinnern kann, wie es in analogen Zeiten zugegangen ist. Da lässt man sich für einen amtlichen Bescheid gerne auf eine Aktenzahl reduzieren. Und hat am Ende eine Lösung – und etwas zum Sudern gratis obendrauf. 

Höfliche Distanz und indirekte Kommunikation 

Aus der alten und längst lächerlichen Angst vor der Obrigkeit pflegen Wiener:innen nach wie vor einen unentschlossenen Duktus. Bevor man sich auf etwas vorschnell festlegt, bleibt man lieber auf Distanz und sagt wortreich nichts. 

Wiener:innen reden viel und oft, ohne etwas zu sagen. Vor allem bei Fragen, die ihnen Entscheidungen abringen, wird gerne wortreich nichts gesagt. Als Nachkommen einer Monarchie fürchten sie bis heute die Konsequenzen der Obrigkeit, selbst wenn das lächerlich ist. Aus dieser Vorsicht entstand ein unentschlossener Duktus. Ein Gemisch aus Höflichkeit und Gelaber, dessen narkotisierende Wirkung schon manches Gegenüber vertrieben hat. Lieber baden die Wiener:innen bis zum Absaufen in Floskeln, als sich vorschnell festzulegen. Dazu gilt es, den Subtext des Gesagten richtig zu verstehen, in dem eine scheinheilige Zustimmung oft nur eine über die Bande gespielte Ablehnung ist.  

Dieses affirmative Schattenboxen schiebt jeden Dissens auf die lange Bank, doch dort haben es sich Wiener:innen schon lange gemütlich eingerichtet. Dort, wo „Schauen wir mal, dann sehen wir schon“ als Fortschritt gewertet wird. 

 

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© Irene Martinez-Soler

Nostalgische Selbstwahrnehmung 

Warm wird den Wiener:innen ums Herz, wenn sie an die Bedeutung der dahingegangenen Monarchie denken. Daraus entstand eine Grundstimmung, die davon ausgeht, dass es früher besser war – selbst wenn niemand weiß, was „es“ sein soll. 

In Wien ist man großzügig, vor allem mit sich selbst. Dabei wohnt den Ritualen des Eigenlobs eine starke Nostalgie inne, die sagt: Wir sind zwar super, aber früher, da war es noch besser. Was genau dieses „Es“ sein soll, da legt man sich ungern fest. „Es“ ist Anlass für eine seufzend inszenierte Sentimentalität, die so süß daherkommt wie ein Punschkrapferl. Ja, die Nostalgie ist der Süßstoff Wiens. Er zehrt von der als glorreich empfundenen Geschichte des Landes, dessen einstige Ausmaße mit Bedeutung gleichgesetzt wurden, und dessen Schrumpfung manchen Phantomschmerzen bereitet. Wehmütig wird „die gute alte Zeit“ ersehnt, die alles ausblendet, was daran unrühmlich oder schrecklich war. Dafür ist in der nostalgischen Selbstwahrnehmung kein Platz. Präsent sind nur die positiven Andenken: alles, was es als Postkarte zu kaufen gibt. Die Traditionen der Musik, die Prachtbauten an der Ringstraße, die Ballkultur, die Pferdekutschen in der Innenstadt. Zwar würde man lieber sterben, als in einer dieser Touristenkutschen gesehen zu werden, aber man ist froh und stolz darauf, dass sie da sind – solange man beim Flanieren in der Innenstadt nicht in die Hinterlassenschaften der Pferderln tritt. 

Wiener Schmäh und Ironie 

Anderswo hat man Humor, Wien hat Schmäh. Eine spezielle Mischung aus Witz und kalt servierter Beleidigung. Höfische Etikette trifft auf den rauen Ton der Vorstädte und serviert Grobheiten mit Zuckerguss. 

Der Wiener Schmäh ist weltberühmt – zumindest in Wien. Der Schmäh gilt als spezifisches Humorverständnis in der Nachbarschaft des Begriffs „Schmähung“. Damit ist die Stoßrichtung dieses Humors oft schon vorgegeben. Der Wiener Schmäh ist urteilend und ironisch gebrochen, eine Frechheit mit Zuckerguss, ein lebensbejahender Todesstoß. 

Wieder lässt sich das auf die Monarchie zurückführen, als Doppeldeutigkeiten Kritik an der Obrigkeit transportierten. Auf dem schmalen Grat zwischen übertriebener Höflichkeit und kalt servierter Beleidigung. Höfische Etikette prallt auf den rauen Ton der Vorstädte. Beliebte Sujets sind der Tod („a schöne Leich“) oder die Obrigkeit („die Großkopferten“). Wobei jeder zum Ziel des Schmähs werden kann, wenn der Schmäh rennt und ein Milieu erschafft, in dem eine boshafte Demokratie regiert, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Wer das nicht aushält, hat keinen Schmäh, und nichts ist trauriger als Humorlosigkeit. Nicht nur in Wien.  

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© Irene Martinez-Soler

Die Neigung zu Superlativen 

Dass die Verwendung von Superlativen der Glaubwürdigkeit eher abträglich ist, nehmen die Wiener:innen gerne in Kauf. Immerhin hat er sich seinen eigenen Superlativ geschaffen. Mit der knappen Silbe „ur“ drückt er aus, was wirklich super ist. 

Menschen sind wandelnde Widersprüche; das haben Wiener:innen mit dem Rest der Welt gemein. Goethes „Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt“ wäre jederzeit als Seelendiagnose akzeptiert – selbst von Sigmund Freud. In den Zustand der Euphorie versetzen sich die Wiener:innen gerne selbst. Da neigen sie zu Superlativen und nehmen dabei in Kauf, dass die Glaubwürdigkeit einer Behauptung unter diesen Superlativen eher einbricht. Nur in Wien kann ein Glas Wein leerer sein als ein anderes. Und dann haben die Wiener:innen noch eine Geheimwaffe: Es ist eine kurze Silbe, die außerhalb der Stadt schnell an Verständlichkeit einbüßt, innerhalb jedoch sticht wie ein Trumpf im Kartenspiel. Es ist die Silbe „ur“. 

Stellen sie die Wiener:innen einem Adjektiv als Präfix voran, ist der ultimative Superlativ formuliert – im Guten wie im nicht so Guten: Ursuper, uraufregend, urorsch. Jede noch so inflationäre Zuschreibung wird so in den Status besonderer Bedeutung erhoben. Es ist eine den Wiener:innen zupasskommende Beiläufigkeit, das Besondere mit geringster Anstrengung auszuzeichnen. Schließlich lautet ein geflügeltes Wort: „nur keine Wellen“ – das meint bloß keine Aufregung und ist die Wiener Version von Coolness. Diese gipfelt im Prädikat „urleiwand“, einem nicht zu übersetzenden Superlativ für alles und jedes, was Wiener:innen gefällt. 

Text: Karl Fluch 

Karl Fluch ist freier Autor. Er war über 30 Jahre Kulturredakteur der Tageszeitung "Der Standard". Daneben hat er zwölf Jahre lang Gags für die ORF-Show "Willkommen Österreich" geschrieben; dasselbe macht er jetzt bei der Late Night Show "Gute Nacht Österreich“. 

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