Frau mit einem Handy blickt auf Wien

Transkript: Hundertwasser Walk

 

0 Intro

Seine Kleidung? Meistens selbstgenäht und ganz schön bunt. Und vor allem ungebügelt musste sie sein! Warum? Weil gerade Linien „gottlos“ sind und „zum Untergang der Menschheit“ führen. Seine Kopfbedeckungen? Farblich ähnlich turbulent wie seine Häuser, Bilder und Collagen. Dazu ein Rauschebart wie Robinson Crusoe und sanftmütige, schlaue Blicke, die an Entschlossenheit nicht zu überbieten waren - und die stets signalisierten: Hier ist ein Mann auf einer Mission. Ein Mann, nicht von dieser Welt, und trotzdem geerdet wie eine tausendjährige Eiche. Ein Träumer und ein Pragmatiker in einem, der nicht nur Wien ein Stück schöner und naturnäher machte, sondern auch Tokio und Osaka, Tel Aviv, das Napa Valley in Kalifornien und genauso Zell am See, Darmstadt und Kawakawa in Neuseeland. Doch sein Hauptwerk befindet sich in seiner Heimatstadt. Willkommen im Wien von Friedensreich Hundertwasser, willkommen in einer fantastischen Welt, in der Konventionen keinen Platz haben.

Denn Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser, so lautete sein vollständiger Künstlername, sträubte sich gegen den Zeitgeist in der Kunst und in der Architektur. Das machte ihn zu einem echten Visionär. Seine Ideen für die Umwelt sind heute aktueller denn je – auch wenn er damals von vielen belächelt wurde. Aber das gehört dazu, wenn man seiner Zeit voraus ist.

Dieser Spaziergang führt dich durch das Weißgerberviertel, wo Hundertwassers wichtigste Werke zu finden sind, aber auch entlang des Donaukanals, der für ihn große Bedeutung hatte. Wir kommen an seinem ehemaligen Atelier vorbei und bei jenem Haus, das ihn dazu veranlasst hat, auf gerade Linien zu pfeifen und stattdessen für architektonisches Tohuwabohu zu sorgen. Komm‘ mit auf einen Spaziergang im Zeichen des Farbenrausches und der undogmatischen Ideen. Los geht’s.

1 Kunst Haus Wien

Kunst Haus Wien – der wichtigste Ort, um in das künstlerische Schaffen von Friedensreich Hundertwasser einzutauchen. Nicht nur in Wien, sondern weltweit. Hier befindet sich sogar die größte Hundertwasser-Sammlung von allen. Und was vielen gar nicht bewusst ist: Hundertwasser war viel mehr als ein Künstler, der außergewöhnliche Gebäude geschaffen hat. Im Kunst Haus Wien erlebst du die Vielseitigkeit des 1928 als Friedrich Stowasser in Wien geborenen Multitalents. Auf zwei Stockwerken warten Gemälde, Graphiken, aber auch Tapisserien und Architekturmodelle sowie jede Menge angewandte Kunst wie Briefmarken und Fahnen – alles im Zeichen seines ökologischen Engagements.

Das Kunst Haus Wien vermittelt einen perfekten Eindruck, wer dieser Mann wirklich war, der mit seiner Kunst von Wien aus die Welt erobert hat. Viele haben ihn für einen verschrobenen Spinner gehalten, dessen Ideen so gar nicht zum damaligen Zeitgeist passten. Ökologie und ein naturnahes Denken waren im Wien der Nachkriegsjahre kein Thema: Doch Hundertwasser erkannte sehr früh, wohin es führt, wenn Menschen achtlos mit der Natur umgehen. Auch davon erzählt das Kunst Haus Wien, das eigentlich ein Gesamtkunstwerk ist. Es wird ganz im Sinn des Künstlers betrieben.

Es war das erste Museum in Wien, das mit dem Österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet wurde, eine offizielle Zertifizierung für ressourcenschonend betriebene Institutionen. Hundertwasser wäre begeistert gewesen. Dabei besitzt dieser Ort eine lange Geschichte völlig abseits des Ökopioniers. Im Gebäude befand sich im 19. Jahrhundert eine Fabrik des berühmten Wiener Bugholzmöbel-Herstellers Thonet, der hier Sessel produzierte, die heute Wiener Design-Klassiker sind. Im Jahr 1991 wurde das Gebäude nach den Ideen Hundertwassers umgestaltet und ist längst selbst ein Wiener Klassiker. Seitdem ist hier alles schräg, bunt und wild wie die Natur selbst. Ganz oben im Dachgeschoß des Gebäudes hat sich der Öko-Pionier eine Privatwohnung mit riesigem Dachgarten geschaffen. Eine richtig grüne Oase. Hier lebte der Weltenbummler während seiner Wien-Aufenthalte. Die Wohnung ist leider nur zu besonderen Anlässen zugänglich.

Erlebbar und sehr sehenswert sind im Kunst Haus Wien die Wechselausstellungen, die sich thematisch um Schwerpunkte wie Nachhaltigkeit, Klimawandel und Recycling drehen. Ein Museum, das den großen Themen unserer Zeit gewidmet ist. Hier erblühen Hundertwassers Ideen auch viele Jahre nach seinem Tod im Jahr 2000. Und direkt vor dem Gebäude zeigt sich Hundertwassers Sinn für vermeintlich absurde Details. Siehst du die kleine rundliche Erhebung direkt vor dem Gebäude? Hundertwasser bezeichnete diese gestalterische Laune als „Feldherrenhügel für Fremdenführer“, schließlich war dem Visionär klar, dass ihm eines Tages Gäste aus aller Welt die Türen einrennen werden. Komm‘, lass uns reingehen und auf den Spuren des Visionärs wandeln.

2 Hundertwasserhaus

Bucklige Böden, schiefe Wände und aus der Fassade wuchern die Bäume? Klingt prinzipiell nach einem Sanierungsfall, doch die Rede ist natürlich von Hundertwassers architektonischem Hauptwerk, vor dem du jetzt stehst: Das fantastische Hundertwasserhaus, das mit allen Regeln herkömmlicher Architektur bricht. Es hat weltweit Wellen geschlagen. Ein Haus wie ein LSD-Trip! Ein Gebäude, wie es auch in Alice‘ Wunderland stehen könnte. Es war Hundertwassers erste verwirklichte Architekturvision. Eröffnet wurde es 1986. Das Projekt war für den Künstler eine Herzensangelegenheit.

Denn sobald der Rohbau fertiggestellt war, arbeitete Hundertwasser über ein Jahr lang Tag für Tag selbst auf der Baustelle – Seite an Seite mit den Handwerkern, um ja sicher zu gehen, dass seine Visionen bis ins kleinste Detail umgesetzt werden. Denn was für die einen ein baulicher Mangel ist, war für Hundertwasser pure Schönheit. Und die liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Für Hundertwasser stellten gerade Linien und rechte Winkel einen baulichen Mangel dar. „Die gerade Linie führt zum Untergang der Menschheit“, formulierte er es drastisch. Deshalb sind hier sogar die Fenster unregelmäßig angeordnet. Sie stehen nicht in Reih und Glied, sie springen hin und her. Hundertwasser selbst drückte diese gestalterische Spielerei sehr poetisch aus: „Fenster müssen tanzen können.“ Und im Fall des Hundertwasserhauses tanzen die Fenster mindestens Tango, wenn nicht sogar Pogo. Dazu gibt es sattes Grün, das sich quer über die Fassade verteilt und in einem kleinen Wäldchen gipfelt, gepflanzt am Dach des Hauses. Hundertwasser stellte gängige Architekturdogmen auf den Kopf. Davon waren im Wien der 1980er nicht alle begeistert. Das Hundertwasserhaus sorgte für heftige Kontroversen. Doch die Skepsis schlug schnell in Begeisterung um. Als das Haus mit einem Tag der offenen Tür eingeweiht wurde, kamen 70.000 Menschen. Heute zählt das Hundertwasserhaus zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Wien.

Und wenn du jetzt glaubst, beim Hundertwasserhaus handelt es sich um eine Luxusresidenz für betuchte und kunstsinnige Menschen, liegst du weit daneben. Das Gebäude ist ein sozialer Wohnbau der Stadt Wien, ein so genannter Gemeindebau. Hier können sich alle Wienerinnen und Wiener, die eine gewisse Einkommensgrenze nicht überschreiten, für eine günstige Gemeindewohnung anmelden. Doch ich muss dich enttäuschen: Die Warteliste für die Wohnungen ist ziemlich lang. Besichtigen kannst du das Hundertwasserhaus übrigens nur von außen. Alle Innenbereiche sind den Bewohnerinnen und Bewohnern vorbehalten.   

3 Hundertwasser Promenade

Es ist kein Zufall, dass diese grüne Promenade, die sich entlang des Donaukanals schlängelt, nach Friedensreich Hundertwasser benannt ist. Diesen Nebenarm der Donau bezeichnete er sogar als sein „erstes Meer“. Einen starken Bezug zu dieser Gegend hatte der Öko-Pionier von Kindheit an. Doch das kam nicht freiwillig: Hundertwasser, der Halbjude war, wurde nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten gemeinsam mit seiner Mutter zwangsübersiedelt – in die Obere Donaustraße, das ist genau vis à vis auf der anderen Seite des Donaukanals. Und so kam es, dass die Ufer dieses Donauarmes für den jungen Hundertwasser Abenteuerspielplatz und Inspirationsquelle in einem waren. Damals lautete sein Nachname übrigens noch Stowasser. Wie es zum Künstlernamen Hundertwasser gekommen ist? Die Vorsilbe „Sto“ bedeutet im Slawischen die Zahl „Hundert“. Der Name Hundertwasser ist eigentlich eine Übersetzung. Hier am Ufer des Donaukanals sind viele seiner frühesten Werke entstanden. Er liebte dieses Motiv, das er immer wieder mit Aquarellfarben künstlerisch verarbeitete. Auch diese Bilder kannst du im Kunst Haus Wien entdecken. Mit seinen späteren Werken haben sie wenig gemeinsam.

Am Donaukanal tauchte er tief in die Natur ein. Im wahrsten Sinn des Wortes – und nicht immer mit positiven Folgen: Hundertwasser liebte es, den Donaukanal zu durchschwimmen. Nach einer dieser Mutproben zog er sich im damals noch stark verschmutzten Wasser eine folgenreiche Paratyphus-Infektion zu. Seine lebenslange Herzschwäche sah er als unmittelbare Folge dieser Infektion in jungen Jahren. Vielleicht war auch das ein Grund, warum er sich so vehement für eine intakte Natur eingesetzt hat. Heute kann man im Donaukanal bedenkenlos schwimmen, ohne dass man sich eine Infektion holt. Aber lass die Badesachen besser in der Tasche: Hier gibt es regen Schiffsverkehr. Und mit etwas Glück entdeckst du am Donaukanal sogar Biber, die sich dieses Stück städtische Natur in den vergangenen Jahrzehnten zurückerobert haben.

Du fragst dich jetzt bestimmt, was es mit dem von Hundertwasser gestalteten Pavillon auf sich hat, vor dem du stehst. Er war Teil einer Schiffsanlegestelle, die heute nicht mehr in Betrieb ist. Doch hübsch anzusehen sind der knallbunte Pavillon und die bauchigen Säulen auch ohne, dass sie ihre ursprüngliche Funktion besitzen.

4 MS Vindobona

Friedensreich Hundertwasser suchte die große Freiheit – gefunden hat er sie auf hoher See. Er verbrachte in Summe fast zehn Jahre seines Lebens auf dem Wasser. Der Grund dafür war die Regentag, so taufte Hundertwasser sein eigenes Schiff, das er Ende der 1960er in Palermo gekauft hat. In Venedig baute er das Schiff nach seinen Vorstellungen um. Sieben Jahre lang. Und dann konnte es losgehen. Er schipperte mit der Regentag über die Weltmeere bis in die Karibik. Er durchquerte mit ihr den Panamakanal und segelte bis nach Neuseeland. Das Schiff war seine Heimat und seine Kreativzentrale. Hier konnte ihm niemand etwas anhaben. Denn auf hoher See existieren keine Grenzen. Weit draußen am Meer ist alles offen und frei. Das war ganz nach Hundertwassers Geschmack. Die emotionale Verbindung zu seinem Schiff war so stark, dass er den Namen Regentag sogar in seinen Künstlernamen integrierte. Du willst bestimmt wissen, wie es zu diesem Namen gekommen ist? Das ist ganz einfach: Wenn es regnet, beginnen Farben richtig intensiv zu leuchten. Solche Tage waren für Hundertwasser die schönsten von allen.

Doch die Regentag war nicht das einzige Schiff, das er gestaltet hat. Genau dort, wo du jetzt stehst, befindet sich die Anlegestelle der MS Vindobona. – Ein Ausflugsschiff, dem Hundertwasser Mitte der 1990er Jahre ein Re-Design mit typischen Stilelementen verpasste. Hundertwasser bezeichnete es als „Lustschiff zum Träumen“. Mit dem Schiff kannst du Rundfahrten auf der Donau rund um Wien unternehmen. Und du kannst es sogar für Veranstaltungen mieten. Hundertwasser hat auch das Innere der MS Vindobona gestaltet.

Doch seine magische Verbindung zum Element Wasser besitzt auch eine höchst tragische Komponente: Denn gestorben ist Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser ausgerechnet auf hoher See. Sein Herz versagte, als er im Februar 2000 mit dem Kreuzfahrtschiff „Queen Elizabeth II.“ von seiner Wahlheimat Neuseeland nach Europa unterwegs war. Mitten im Pazifischen Ozean. Eine tragisch-ironische Fügung des Schicksals, findest du nicht auch?

5 Ankerhaus

Um diesen Hundertwasser-Ort gut zu sehen, musst du steil nach oben blicken. Am besten du begibst dich dafür in die Mitte der Fußgängerzone, schräg vis à vis der Hausnummer 10. Das ist das so genannte Ankerhaus. Siehst du das grüne Ateliergeschoß mit den großen Fenstern, ganz oben am Dach des Hauses? Ja? Genau dort hatte Friedensreich Hundertwasser sein Atelier – und er wohnte hier auch viele Jahre lang. Obwohl Hundertwasser für seinen bescheidenen Lebensstil bekannt war, hatte es diese Wohnung in sich.

Die Immobilie erstreckte sich über drei Geschoße. Zudem legte er am Dach einen großen Garten an, um hier, inmitten der Wiener Innenstadt, ein Stück Natur zu schaffen. Ziemlich grün und vor allem ziemlich kurios war auch das Innere der Wohnung – genau so, wie man es sich von einem außergewöhnlichen Künstler erwartet: Die Wohnung war vollgestopft mit Pflanzen. Hundertwasser platzierte auf fast allen waagrechten Flächen Töpfe und Tröge. Nicht nur das: In der Wohnung befand sich auch eine selbstentwickelte Pflanzenkläranlage, die auf natürliche Weise Haushaltsabwässer reinigte, indem das verunreinigte Wasser durch mehrere Tröge mit Wasserpflanzen floss. Er war ein Pionier der Kreislaufwirtschaft, die heute in aller Munde ist. Und Hundertwasser verwendete in seinen privaten Gemächern eine Humustoilette, die ohne Wasser funktionierte und dennoch keine Gerüche verursachte. Die Details erspare ich dir jetzt. Die Pflanzenkläranlage und die Humustoilette sind übrigens Teil der Dauerausstellung im Kunst Haus Wien.

Im Ateliergeschoß des Ankerhauses, das übrigens vom berühmten Wiener Architekten Otto Wagner geplant wurde, sind ab den 1970ern zahlreiche Kunstwerke entstanden. Doch eigentlich war Friedensreich Hundertwasser überhaupt kein Atelier-Mensch. Er malte, zeichnete und entwarf seine Kunst am liebsten dort, wo er sich gerade befand. Dafür hatte er stets einen Miniaturmalkasten bei sich, um sich jederzeit künstlerisch austoben zu können – vor allem auf seinen vielen Reisen, die ihn ab den 1950ern quer um den Globus führten. Hundertwasser bereiste fast alle Kontinente. Er hatte Wohnsitze in der Normandie, in Frankreich, aber auch in Italien, wo er in Venedig einen riesigen Garten mit Palazzo kaufte, den er nach seinen Vorstellungen gestaltete. Und vor allem wurde Neuseeland zu Hundertwassers zweiter Heimat. Dort erwarb er ein riesiges Stück Land in Form eines gesamten Tals  – fast 400 Hektar groß! Er bepflanzte dieses frühere Weideland für Schafe mit 150.000 Bäumen, um es der Natur zurückzugeben. In diesem Tal liegt Hundertwasser begraben, in einem Erdhügelgrab, auf dem ein Tulpenbaum gepflanzt wurde. Auch das ist im Grunde genommen eine Form der Kreislaufwirtschaft, die Hundertwasser ein Leben lang propagierte.

6 Loos Haus

Friedensreich Hundertwasser und die moderne Architektur: Das war keine Liebesbeziehung. Ganz im Gegenteil:  Die nüchternen und sachlichen Architekturprinzipien des 20. Jahrhunderts waren ihm ein Graus. Diese gestalterische Kälte spornte ihn an, seine eigenen Ideen für ein menschengerechtes und naturverbundenes Bauen umzusetzen. Rationalismus und Funktionalismus waren nicht sein Ding. Kein Wunder bei einem Mann, der vor Fantasie nur so sprühte.

Besonders gestoßen hat er sich an den Ideen des österreichischen Aushängeschilds der Moderne, Adolf Loos, vor dessen Hauptwerk du jetzt stehst. Das im Jahr 1911 vollendete Loos Haus am Michaelerplatz ist eine Wiener Architekturikone. Ein bahnbrechendes Bauwerk, das international als ein Meilenstein für die frühe Moderne gilt. Doch Hundertwasser konnte der Begeisterung für diese glatte Architektur wenig abgewinnen. Er verfasste sogar ein Manifest mit dem Titel „Los von Loos!“. Darin prangerte er wortgewaltig die sterile und geradlinige Architektur der Moderne an. Hundertwasser sprach vom „Schachtelgefängnis-Unfug“. Für ihn war diese Art des Bauens ein Irrweg, den man schleunigst verlassen müsse. Hundertwasser sprach sogar von einer moralischen Verpflichtung, die er als Österreicher habe. Er sagte: „Von Österreich ging dieses Architektur-Verbrechen in die Welt. Daher muss von hier aus die Wiedergutmachung einsetzen.“ Ganz schön radikal, findest du nicht auch? Doch Kunst darf alles

Doch Hundertwasser liebte solche Manifeste, in denen er sich in Frontalopposition zu gängigen Meinungen begab. Schließlich wusste er genau, wie er sich inszenieren muss, um sich Gehör zu verschaffen. Und so geschah es nicht nur einmal, dass sich Hundertwasser splitterfasernackt auszog und mit Farbe um sich warf, während er seine Manifeste öffentlich darbot. Hundertwasser suchte den Skandal. Und er hat ihn im spießigen Österreich der Nachkriegsjahre regelmäßig bekommen: Die Aufmerksamkeit der Zeitungen war ihm ebenso gewiss wie so manche polizeiliche Anzeige, die jedoch stets ohne Konsequenzen geblieben sind.

7 Baummieter Alserbachstraße

Warum ich dich hier her führe? An diese große Straßenkreuzung im 9. Wiener Gemeindebezirk? Die Antwort findest du an der Hausfassade der Adresse Alserbachstraße 11, das ist das Gebäude mit dem markanten Eckerker, dort, wo im Erdgeschoss die städtische Bücherei ist. Du siehst es bestimmt schon. Hier wuchert im ersten Stock ganz schön was aus der Fassade. Wenn du es genau wissen willst: Es ist eine Hainbuche, die ihre Äste aus dem Fenster streckt. Grüne Anarchie an einer grauen Kreuzung, wenn man so will.

Wer die Sache angezettelt hat? Es war natürlich Friedensreich Hundertwasser, der sich in seiner Rolle als Öko-Aktivist ziemlich effektvoll ausgetobt hat. Die Aktion nannte er „Baummieter Alserbachstraße“, sie fand im Jahr 1981 statt, und diese ziemlich undogmatische Begrünungsmaßnahme war als Fingerzeig gemeint. Es ging ihm um maximales Grün im urbanen Raum, um die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. Er wollte demonstrieren, dass selbst vertikale Flächen geeignet sind, um sie mit Bäumen zu bepflanzen. Hundertwasser formulierte es wie immer mit kämpferischem Unterton: Es sei eine Pflicht, der Vegetation mit allen Mitteln zu ihrem Recht zu verhelfen! Das war Jahrzehnte bevor Begriffe wie „vertikale Begrünung“ populär wurden.

Die Idee des Baummieters setzte Hundertwasser immer wieder um. Du findest diese grünen Untermieter auch am Hundertwasserhaus und am Kunst Haus Wien. Den allerersten Baum dieser Art pflanzte er übrigens Anfang der 1970er Jahre in Mailand.

Hundertwasser hatte generell eine große Leidenschaft für alles, was mit Fenstern zu tun hat. Eine dieser Ideen war das so genannte Fensterrecht. Er forderte: Alle Menschen müssten das Recht haben, den Fassadenbereich rund um die Fenster selbst zu gestalten, und zwar so weit, wie die Arme bzw. die Pinsel reichen. Damit wollte er gegen die sterile Monotonie moderner Wohnbauten vorgehen. Für Hundertwasser war das ein Akt des Widerstandes. Und er versprach allen Unterstützung, die seiner Aufforderung folgten: „Jeder, der von seinem Fensterrecht Gebrauch macht und danach Ärger mit den Behörden bekommt, kann sich an mich wenden. Ich helfe ihm.“

8 Müllverbrennungsanlage Spittelau

Begeben wir uns auf eine kleine Zeitreise. Wir schreiben den 15. Mai des Jahres 1987: Aus der städtischen Müllverbrennungsanlage Spittelau ziehen dicke Rauchschwaden. Doch es ist nicht der Wiener Hausmüll, der brennt. Es ist die Abfallverwertungsanlage selbst. Innerhalb weniger Stunden wurde dieses wichtige Stück Wiener Infrastruktur zu einem Raub der Flammen. Die ersten Forderungen nach dem Brand lauteten: Die Müllverbrennungsanlage müsse unbedingt an einer anderen Stelle wiedererrichtet werden – weit außerhalb des Wiener Wohngebiets, dort, wo sich niemand gestört fühlt. Doch es kam anders. Die Wiener Stadtregierung entschied sich für den Wiederaufbau an Ort und Stelle. Und zwar nicht in Form eines nüchternen Zweckbaus. Friedensreich Hundertwasser solle die neue Anlage gestalten! Einziger Schönheitsfehler: Hundertwasser war von dieser Idee des Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk gar nicht begeistert.

Der bekannteste Öko-Kämpfer seiner Zeit als Gestalter einer schmutzigen Verbrennungsanlage? Das war mehr als ein Widerspruch. Doch Hundertwasser fühlte sich herausgefordert. Ein Jahr lang hat er mit sich gerungen. Sollte er den Auftrag annehmen, er, der Kämpfer für eine abfallfreie Gesellschaft? Immer wieder ging Hundertwasser das Für und Wider durch, studierte Zahlen, las Studien. Am Ende rang er sich durch, ja zu sagen. Warum? Weil man die Augen nicht vor der Realität verschließen könne, schrieb er damals an einen Freund. Ihm war klar, dass eine abfallfreie Gesellschaft nicht von heute auf morgen möglich ist.

Er war Pragmatiker und stellte Bedingungen: Die Stadt Wien müsse alle Möglichkeiten der Müllvermeidung und des Recyclings ausschöpfen. Er forderte Investitionen in den Umweltschutz und modernste Technik im Bereich der Müllverbrennung. Das Ergebnis: Wien hat damals die sauberste Abfallbehandlungsanlage der Welt erhalten. Und Hundertwasser? Der hat am Ende sogar auf ein Honorar verzichtet. Für ihn war wichtig, die Stadt lebenswerter zu machen. Sogar an Nistmöglichkeiten für Falken, hoch oben am Turm, hat er gedacht.

Das markante Bauwerk mit seiner bunten organischen Architektur ist längst ein Wiener Wahrzeichen geworden. Ein Denkmal für vorausschauendes Handeln. Die Strahlkraft des Bauwerks war so groß, dass Hundertwasser auch in Osaka, in Japan, eine Müllverbrennungsanlage realisiert hat. Komm‘, lass uns eine Runde um das Gebäude drehen, um alle Details zu entdecken. Du kannst hier aber auch Führungen buchen.

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