Frau mit einem Handy blickt auf Wien

Transkript: Sigmund Freud Guide

 

0 Intro

Servus und willkommen bei einem Guide, der dich durch die Stadt eines Wieners führt, der die Welt der Psychologie umgekrempelt hat. Willkommen im Wien von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. Jener Mann, der sich damit beschäftigte, was in unseren Köpfen tatsächlich vor sich geht. Nein, wir legen uns heute nicht auf die Couch, sondern wir entdecken gemeinsam jene Orte, die im Leben von Sigmund Freud von großer Bedeutung waren.

Ich zeige dir Orte, an denen Freuds große Ideen entstanden sind. Wir besuchen sein Lieblingskaffeehaus und das Stadtviertel, in dem Freud seine Kindheit und Jugend verbrachte. Und ich erzähle dir von so manchem dunklen Kapitel in seinem Leben, wie Freuds Süchte. Kurz gesagt: Du wirst heute auch den Menschen Sigmund Freud kennenlernen, der genauso spannend war wie seine Theorien. Komm‘, machen wir uns auf den Weg, und tauchen wir ein in das Wien von Sigismund Schlomo Freud, wie er eigentlich hieß.

1 Sigmund Freud Museum

Berggasse 19. Du stehst vor einer der berühmtesten Adressen Wiens und der ersten Anschrift in der Welt der Psychoanalyse. Hinter dieser prunkvollen Gründerzeitfassade hat Sigmund Freud die Betrachtung der menschlichen Psyche auf den Kopf gestellt. Er hat hier das Grundgerüst für die moderne Tiefenpsychologie geschaffen – und damit eine vollkommen neue Sichtweise auf die Psyche des Menschen entworfen. Ein Game-Changer, wie man heute sagen würde. Begriffe wie der Ödipuskomplex, das Unbewusste und das Über-Ich sind dir sicherlich geläufig? Von der Berggasse 19 aus sind diese Begriffe um die Welt gegangen. Sie haben Einzug in den alltäglichen Sprachgebrauch gehalten. Doch Sigmund Freud sorgte auch für jede Menge Kontroversen. An ihm und seinen Ideen haben sich bereits zu Lebzeiten die Geister geschieden. Für die einen war er ein Genie – bei anderen lösten seine Theorien Kopfschütteln aus. Doch Kontroverse hin oder her: Freud gilt als einer der wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts. Kaum ein Wissenschaftler wurde so oft zitiert wie er. Die Berggasse 19 war der zentrale Ort für diesen neuen Blick auf das menschliche Handeln.

Die Berggasse 19 war nicht nur Sigmund Freuds Privatadresse, wo er fast 50 Jahre gelebt hat. Hier befand sich auch seine berühmte Praxis, mit jener Couch, die heute berühmter ist als so mancher Hollywoodstar. Ein Möbelstück, das zum Sinnbild für die Psychoanalyse wurde. Denn in seiner Praxis hat Freud vor allem eines getan: Er hörte seinen Patientinnen und Patienten zu, sie lagen auf der Couch und erzählten Freud von ihren Träumen, Ängsten, aber auch von obskuren Fantasien und wirren Gedanken. Freud hatte erkannt, dass sich durch tiefgründige Gespräche so mancher Knoten im Kopf lösen lässt. Denn Freuds These war, dass die Triebfedern unserer Psyche in vielen unbewussten Dingen begründet liegen. Dieses unbewusste Seelenleben genau zu erkunden, war Freuds wichtigstes Anliegen. Und die von ihm entwickelte Methode, um tief in die menschlichen Abgründe zu blicken, nannte er Psychoanalyse. Damals wurde diese Form der Therapie auch Redekur genannt. Ziemlich treffend, findest du nicht auch?

Heute befindet sich an dieser berühmten Adresse das fantastische Sigmund Freud Museum. Hier tauchst du tief in die Welt von Sigmund Freud und seinen Ideen ein. Und auch seine ebenso als Psychoanalytikerin berühmt gewordene Tochter Anna Freud ist hier Thema. Es warten Originalelemente der Einrichtung, die Freud damals benutzte, aber etwa auch eine perfekte Rekonstruktion des Wartezimmers. Nur die berühmte Couch suchst du hier vergebens. Freud hat sie mitgenommen, als er 1938 vor dem Terrorregime der Nazis nach London flüchten musste. Und dort steht sie auch heute noch.

2 Josphinum

Hast du gewusst, dass Wien vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert weltweit einer der wichtigsten Orte im Bereich der Medizin war? Zum Beispiel hat der Wiener Pathologe Karl Landsteiner um 1900 die Blutgruppen entdeckt und erhielt dafür den Nobelpreis. In Wien wurden auch die Grundsteine für die moderne Anatomie und Diagnosestellung gelegt, die wissenschaftlichen Regeln folgte und die Quacksalberei der vorherigen Jahrhunderte ablöste. Und bereits im 18. Jahrhundert sorgte Kaiser Joseph II. für eine hochmoderne medizinische Infrastruktur und Ausbildung. Die bahnbrechenden Ideen von Sigmund Freud fügten sich nahtlos in diese neuen Betrachtungs- und Denkweisen ein. Wien war der Schauplatz schlechthin für medizinische Innovationen.

Der beste Ort, um in diese Zeit einzutauchen, ist das Josephinum. Das Josephinum ist nicht nur ein Museum, sondern auch ein Symbol für die Bedeutung der medizinischen Forschung und Ausbildung in Wien. Im Mittelpunkt der Sammlung stehen Wachsmodelle des menschlichen Körpers. Sie stammen aus dem Florenz des 18. Jahrhunderts und sind ebenso faszinierend, wie sie auch für manches Schaudern sorgen. Heute gelten diese Wachsmodelle als Kunstwerke. Die musst du dir unbedingt ansehen. Sogar die Vitrinen, in denen sich die Modelle befinden, sind Originale von damals.

Und natürlich geht es im Josephinum auch um Sigmund Freud. In der Sammlung findest du einzigartige Ausstellungsstücke, wie einen von Freud handgeschriebenen Lebenslauf. Du kannst dort aber auch ein kaum bekanntes Portraitgemälde von Freud entdecken. In der Dauerausstellung wird deutlich, wie sehr sich Freud von seinen Zeitgenossen im Bereich der Psychiatrie abgrenzte. Denn selbst renommierte Fachleute, wie der spätere Nobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg, schworen zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch auf Elektroschocktherapien, um psychisch Kranke zu behandeln. Freud hingegen erkannte, dass tiefgründige Gespräche viel zielführender sind als körperliche Gewalt anzuwenden. Das ist heute kaum zu glauben – nicht?

3 Altes Allgemeines Krankenhaus (Altes AKH)

Warum ist der Mensch anfällig für Suchtverhalten aller Art? – Nur eine von vielen Fragen, mit denen sich Sigmund Freud in seinen Forschungen beschäftigte. Doch wusstest du, dass Freud selbst zu Drogen gegriffen hat, und zwar nicht zu wenig? Davon erzähle ich dir hier, im Alten Allgemeinen Krankenhaus, kurz Altes AKH, das heute ein wichtiger Standort der Universität Wien ist – und ein herrlich lauschiger Platz inmitten der Hektik der Stadt.

Zur Zeit von Sigmund Freud war dieses riesige Areal ein renommiertes medizinisches Zentrum. Hier wurde in vielen Bereichen bahnbrechende Forschung betrieben. Freud war im Alten AKH als junger Arzt beschäftigt. Er wohnte hier sogar für kurze Zeit. Wo genau, ist leider nicht überliefert. Jedenfalls markierte die Zeit von Sigmund Freud an diesem Ort einen wichtigen Abschnitt in seiner Karriere, der jedoch von einem kontroversen Aspekt überschattet wurde: seinem Kokainkonsum. Ja, du hast richtig gehört, der junge Freud war eine richtige Koksnase. Und das kam so:

In den 1880er-Jahren begann Freud sich für die medizinischen Eigenschaften von Kokain zu interessieren. Die Substanz war neu in Europa. Zu dieser Zeit galt das weiße Pulver als vielversprechendes Medikament und wurde zur Behandlung von Kopfschmerzen, Depressionen und anderen Krankheiten eingesetzt. Freud experimentierte nicht nur mit Kokain an sich selbst, sondern verschrieb es auch einigen seiner Patientinnen und Patienten. Er glaubte, dass Kokain als Schmerzmittel und Betäubungsmittel nützlich sein könnte.

Allerdings führte Freuds Experimentieren mit Kokain zu gemischten Ergebnissen. Er erkannte bald die Suchtpotenziale und gesundheitlichen Risiken, die mit dem Konsum verbunden sind. In seinem 1884 veröffentlichten Aufsatz "Über Coca" beschrieb er die positiven und negativen Effekte des Kokains im Detail. Und trotz seiner anfänglichen Begeisterung für die Substanz erkannte Freud bald die großen Gefahren und das Suchtpotenzial. Er wandte sich von den Drogenexperimenten ab und widmete sich verstärkt seinen psychoanalytischen Theorien. Du siehst, selbst geniale Köpfe wie Freud können gewaltig irren.

Doch er hat durch seine Beschäftigung mit Kokain auch einiges angestoßen. Sein Medizinerkollege und Freund Carl Koller wurde dank Freud auf die Substanz aufmerksam. Koller vermutete praktische Anwendungsmöglichkeiten für die örtliche Betäubung im Bereich des menschlichen Auges. Koller begann zu forschen und hatte großen Erfolg. Er wurde zum Begründer der modernen Lokalanästhesie in der Augenheilkunde. Daraus resultierte ein besonderer Spitzname. Freud nannte seinen berühmt gewordenen Kollegen von da an nicht mehr Carl Koller, sondern nur noch „Coca Koller“.

4 Sigmund Freud Park 

Eine unscheinbare Grünfläche, die von mehreren großen Straßen umrahmt wird: Auf den ersten Blick scheint hier wenig mit Sigmund Freud zu tun zu haben. Doch der Eindruck täuscht, denn dieser Park, der genau vis-a-vis der Votivkirche und der Universität Wien liegt, ist seit den 1980ern nach Sigmund Freud benannt. Du fragst dich, warum die Wahl ausgerechnet auf diese Grünfläche fiel? Es ist der größte Park in unmittelbarer Umgebung zu Sigmund Freuds ehemaliger Praxis und Wohnung in der Berggasse 19. Dass Freud hier jeden Tag zwangsläufig vorbeigekommen ist, hat mit seiner späten Leidenschaft für Haustiere zu tun. Im Alter von 72 ist Freud nämlich auf den Hund gekommen. Übrigens zum Leidwesen seiner Frau, die mit Vierbeinern wenig anzufangen wusste … Freud aber liebte Chow-Chows. Die mähnigen Tiere würden ihn an kleine Löwen erinnern, äußerte Freud einmal.

Im Lauf der Jahre hatte er mehrere Chow-Chows, die nicht von seiner Seite wichen, und auch während Freuds Therapiesitzungen anwesend waren. Wenn man so will, waren das die ersten Therapiehunde überhaupt. Sie hießen Lün, Jofi und Lün Yu. Und sie waren wichtiger Teil seiner täglichen Routinen, die einem strengen Ablauf folgten: Freud stand jeden Morgen um sieben Uhr in der Früh auf. Zwischen 8 und 12 Uhr empfing er seine Patientinnen und Patienten. Nach dem Mittagessen mit der Familie, das täglich um 13 Uhr auf dem Tisch stand, widmete sich Freud seinen Hunden. Er spazierte mit ihnen durch das Grätzel rund um die Berggasse 19 und mit Sicherheit auch über die großen Grünflächen rund um die Votivkirche.

Freuds weiterer Tag folgte ebenso einem strikten Ablauf: Um 15 Uhr kehrte er in die Praxis zurück, um seine Sprechstunde abzuhalten. Danach war das Abendessen an der Reihe. Du willst wissen, was Dr. Freud am liebsten gegessen hat? Freud hatte eine Leidenschaft für italienische Artischocken, gekochtes Rindfleisch und Zwiebelrostbraten. Was er gar nicht mochte? Hühnerfleisch! – Er lehnte es strikt ab. 

Apropos Kulinarik: Der Park lag auch auf dem Weg von Sigmund Freuds Wohnung in sein Lieblingskaffeehaus, das Café Landtmann. Und wenn du genau suchst, findest du im Sigmund Freud Park ein Denkmal, das an den Begründer der Psychoanalyse erinnert: Eine große Steinstele mit der Inschrift: „Die Stimme des Intellekts ist leise“. Darunter stehen die griechischen Buchstaben Psi und Alpha, die Freud als Chiffre für die Psychoanalyse benutzte. Komm‘, schau dich genau um, findest du die Stele?

5 Universität Wien

Sigmund Freud gilt heute zwar als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Doch sein Verhältnis zum universitären Betrieb war voller Konflikte. Freud rang ein Leben lang um die Anerkennung in der akademischen Welt, denn seine wissenschaftlichen Thesen waren innerhalb der Universität äußerst umstritten. Freuds Ideen standen in starkem Widerspruch zur damaligen Lehrmeinung. Daher war es für Freud schwer, eine klassische universitäre Laufbahn einzuschlagen. Vielen waren seine Ideen zu abstrus, was eine lange Phase der akademischen Ausgrenzung zur Folge hatte. Die wissenschaftliche Anerkennung ließ lange Jahre auf sich warten. Freud war seiner Zeit weit voraus. Erst im Jahr 1919 erhielt er den Titel eines ordentlichen Professors und einen Lehrstuhl für Neuropathologie. 

Das war kein Wunder: Damals wurde es als anstößig wahrgenommen, dass Freud dem Sexualtrieb eine immense Bedeutung hinsichtlich der menschlichen Psyche beimaß. Sexualität war ein riesiges Tabu, über das man besser nicht sprach. Und schon gar nicht in der Art, wie Sigmund Freud es tat. Dazu kam, dass Freud Jude war – antisemitische Vorurteile waren im universitären Bereich stark ausgeprägt.

Doch Freud ließ sich davon nicht beirren und konzentrierte sich auf seine Privatpraxis, die ihm gutes Geld einbrachte. Die Patientinnen und Patienten schätzten die neuen Ansätze des umstrittenen Mediziners, denn die Gesprächstherapien hatten positive Effekte. Das ermöglichte Freud die Fortführung seiner wissenschaftlichen Arbeiten. Er war auf die Universität nicht angewiesen. Freud war unabhängig und konnte sein Ding machen. Die Anerkennung durch die akademische Welt war nur eine Frage der Zeit.

Davon kannst du dich im beeindruckenden Arkadenhof der Universität Wien überzeugen. Du findest ihn, wenn du durch den Haupteingang geradeaus durchgehst. Hier im Arkadenhof reihen sich die Büsten von berühmten Absolventinnen und Absolventen der Universität Wien. Wenn man so will, die Hall of Fame der Wiener Wissenschaft! Den Physik-Nobelpreisträger Erwin Schrödinger findest du hier ebenso wie die Sozialwissenschaftlerin Marie Jahoda und den Mediziner Ignaz Semmelweis. Und in den 1950er-Jahren wurde hier auch Sigmund Freud ein Denkmal gesetzt. Das Besondere daran: Die Büste zeigt ihn ausnahmsweise ohne die markante Brille – doch du erkennst ihn bestimmt, wenn du eine Runde durch die Arkadengänge drehst.

6 Café Landtmann

Sigmund Freud war ein disziplinierter Mensch. Na ja, fast. Seine Arbeit ging ihm zwar über alles, doch er hatte auch so manches Laster, das ihn ein Leben lang begleitete. Freud liebte Zigarren. Und er war ein leidenschaftlicher Tarock-Spieler. Besser als der Qualm und das Kartenspielen war für Freud lediglich die Kombination von beidem … Du merkst – ja, auch Sigmund Freud war nur ein Mensch. Und wo in Wien lässt es sich am besten Mensch sein? Richtig! Im Kaffeehaus. Freud besuchte regelmäßig mehrere Kaffeehäuser. Das Café Central gehörte ebenso dazu wie das Café Korb, wo er sich mit Gleichgesinnten in Sachen Psychoanalyse traf. Doch sein Lieblingskaffeehaus war das Café Landtmann, vor dem du jetzt stehst. Es ist heute eines der bekanntesten Kaffeehäuser Wiens.

Im Café Landtmann traf sich Freud mindestens einmal pro Woche mit Freunden und Ärztekollegen. In einem Brief an einen Freund schrieb er einmal: „Samstag abends, nach elfstündiger Analysearbeit und am Ende einer Woche ohne Sonntag bin ich nicht zu gebrauchen und tue gut Kartenspielen zu gehen.“ Zu dieser illustren Runde zählte etwa auch Julius Schnitzler, der Bruder des bekannten Schriftstellers Arthur Schnitzler. Die Herren qualmten und knallten die Tarock-Karten auf den Tisch. Hier war Freud in seinem Element und genoss seine geliebten Zigarren noch mehr als zuhause in der Praxis. Freud, der in seinen Theorien nie müde wurde menschliche Verhaltensweisen mit Sexualität in Verbindung zu bringen, bezeichnete das Rauchen sogar einmal als orale Ersatzbefriedigung. Eine These, die dem Test der Zeit zwar nicht standhielt, aber trotzdem um die Welt ging – und immer noch gerne zitiert wird.

Und Freud hatte übrigens eine weitere Verbindung zum Café Landtmann. Direkt über dem Kaffeehaus lebte Anna Lieben. Sie war die Ehefrau des Besitzers dieses Palais. Und sie war eine seiner vielen Patientinnen.

7 Karmeliterviertel

Warum ich dich hierher ins Karmeliterviertel führe, das etwas abseits des Trubels der Wiener Innenstadt liegt und ein typisches Wiener Gründerzeitgrätzel ist? In diesem Stadtviertel verbrachte Sigmund Freud seine Jugendjahre. Das ist kein Zufall: Das Karmeliterviertel war und ist das Zentrum des jüdischen Lebens in Wien. Hierher zog die Familie Freud im Jahr 1860. Denn ursprünglich stammten die Freuds aus Freiberg in Mähren, das im heutigen Tschechien liegt. Die Wollhändlerfamilie erhoffte sich durch den Umzug nach Wien bessere Geschäfte als in der Heimat. Die Freuds führten ein bescheidenes Leben.

Zur Zeit des Umzugs war der kleine Sigmund vier Jahre alt. Er wuchs als das älteste von acht Kindern auf, was seinen Werdegang stark beeinflussen sollte. Denn seine Mutter Amalia hielt große Stücke auf den Erstgeborenen. Sie war von seiner Außergewöhnlichkeit überzeugt und bestärkte ihn im Gefühl etwas Besonderes zu sein. Sie lebte im Bewusstsein, dass er es einmal zu etwas bringen werde. Also beste Voraussetzungen für eine große Karriere.

Nicht nur das: Sigmund Freud war ein exzellenter Schüler, er war sogar Klassenbester. Zur Schule ging er in der Taborstraße Nummer 24 nahe der Karmeliterkirche. Er besuchte hier das Gymnasium. Dieser Schulstandort existiert schon lange nicht mehr. Auch an den Adressen in der Pfeffergasse, der Pillersdorfgasse und in der Glockengasse, wo die Freuds lebten, erinnert nichts mehr an die Familie. Aber es lohnt sich dieses Stadtviertel zu entdecken. Vor allem den Karmelitermarkt solltest du besuchen. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe deines Standorts: Das ist einer der charmantesten Märkte in Wien mit toller Gastronomie und besonderer Atmosphäre. Hier kannst du Wien wie die Wienerinnen und Wiener erleben. Komm‘, drehen wir eine Runde über den Markt! Ich garantiere dir, du wirst hier bestimmt großen Appetit bekommen.

8 Huber & Lerner

In Sigmund Freuds Kopf war ziemlich was los. Nicht nur, was die Entwicklung der Psychoanalyse betrifft. Die eindrucksvollsten Dokumente seiner Gedankenwelt sind die Briefwechsel mit einer Vielzahl an berühmten Persönlichkeiten. Mit Nobelpreisträger Albert Einstein korrespondierte er genauso wie mit dem Schriftsteller Stefan Zweig, aber auch die Briefwechsel mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern wie Carl Gustav Jung, Lou Andreas-Salome und Marie Bonaparte bieten tiefe Einblicke in Freuds Denken. In diesen Korrespondenzen zeigt sich nicht nur Freuds scharfer Verstand. Auch seine beständigen Selbstzweifel und seine großen Ambitionen wissenschaftliches Neuland zu betreten, werden hier deutlich. Und genauso bieten diese Briefwechsel einmalige Einblicke in die Entstehung der Psychoanalyse.

Du möchtest Briefe schreiben wie Sigmund Freud? Dann bist du hier, in einer kleinen Seitengasse der Kärntner Straße genau richtig. Denn du stehst direkt vor dem Geschäft von Huber & Lerner, und das ist jenes Schreib- und Papierfachwarenunternehmen, in dem Sigmund Freud das Briefpapier für eine Vielzahl seiner Korrespondenzen kaufte. Freuds Briefpapier ist hier heute noch erhältlich. Genau genommen handelt es sich um ein dem Original nachempfundenes Briefkarten-Set inklusive Kuverts. Teil des Sets ist auch eine originalgetreue Nachbildung von Sigmund Freuds Notizblock. Damit kannst du dich ein wenig fühlen wie Sigmund Freud.

Doch nicht nur der Begründer der Psychoanalyse zählte zur vornehmen Kundschaft von Huber & Lerner. Eine ganze Reihe an berühmten Persönlichkeiten kaufte bei Huber & Lerner ein – damals befand sich das Geschäft übrigens noch einige Straßen weiter, in der Herrengasse. Jedenfalls bezog Kaiser Franz Joseph I. seine Drucksorten ebenso bei Huber & Lerner wie der Herzog von Windsor und der Maharadscha von Bhopal. Aber auch Personen aus Kunst und Kultur wie Alma Mahler-Werfel, Paula Wessely, Oskar Werner und viele mehr schätzten die edlen Drucksorten. Und mit Arthur Schnitzler zählte sogar einer der berühmtesten Schriftsteller seiner Zeit zur Stammkundschaft. Schnitzler ist mit einem kuriosen Zitat in die Firmengeschichte eingegangen: „Ihr Laden ist ein Museum der Nichtigkeiten“, stellte Schnitzler gegenüber dem Inhaber fest und relativierte seinen forschen Sager mit dem schönen Nachsatz: „Aber die machen das Leben schön!“ Bist du neugierig geworden? Dann lass‘ uns reingehen und ein wenig stöbern.

9 Bellevuewiese

Was für ein traumhafter Ort! Von der Bellevuewiese aus kannst du ganz Wien überblicken. Ein perfekter Platz, um die Gedanken schweifen zu lassen und ein sehr inspirierender Ort – findest du nicht auch? Genauso erging es hier Sigmund Freud. Denn auf der Bellevuewiese kam ihm die Idee zu seiner Theorie der Traumdeutung. Sie zählt zu seinen wichtigsten und bekanntesten Arbeiten. Mit diesem Werk wurde die neue Betrachtungsweise der menschlichen Psyche eingeläutet. Die Traumdeutung war der Grundstein für Freuds große Karriere. Doch alles der Reihe nach. 

Zur Zeit von Sigmund Freud befand sich auf der Wiese das Schloss Bellevue. Es war ein nobles Kurhotel, das stadtnahe Erholung inmitten der Wiener Weinberge bot. Hier verkehrte die Wiener Prominenz. Das Schloss existiert nicht mehr. Geblieben ist der fantastische Ausblick.

Im Sommer des Jahres 1895 war Freud hier zur Sommerfrische zu Gast. Und in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli träumte er an diesem Ort den wohl berühmtesten Traum der Welt, der unter dem Namen „Irmas Injektion“ in die Geschichte der Psychoanalyse einging. Darin ging es um eine Patientin von Freud, die im Traum von einem Kollegen Freuds leichtfertig eine Spritze verabreicht bekommen hatte. Am Tag darauf analysierte Freud diesen abstrusen und komplexen Traum bis ins Detail. Er war sich nun sicher: Träume sind keine bösen Vorahnungen oder Prophezeiungen hinsichtlich der Zukunft. Vielmehr spricht in unseren Träumen das Unbewusste zu uns. Freud stellte die Theorie auf, dass Träume wichtige Informationsquellen über unbewusste Erlebnisweisen des Menschen sind. Und dass es darin um die Befriedigung verdrängter Triebwünsche geht. Eine bahnbrechende Erkenntnis, die einige Jahre später um die Welt ging.

Für Freud war klar: Ihm muss ein großer Wurf gelungen sein. In diesem Wissen schrieb er seinem Freund, dem deutschen Mediziner Wilhelm Fließ, einen Brief. Freud spekulierte in dieser Korrespondenz über eine Gedenktafel, die vielleicht irgendwann am Schloss Bellevue angebracht wird, um seine Entdeckung zu würdigen: „Glaubst Du eigentlich, dass an diesem Hause dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird, hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigmund Freud das Geheimnis des Traumes? Die Aussichten sind bis jetzt hierfür gering.“ Freuds Zweifel waren unbegründet. Denn es kam tatsächlich so. Im Jahr 1977 wurde eine Gedenktafel errichtet, auf der exakt diese Sätze zu lesen sind. Du findest diese Tafel auf einer Steinstele, die sich mitten auf der Wiese befindet. Ein Traum für jeden Sigmund-Freud-Fan, nicht?

10 Landespolizeidirektion Wien – Sühnhaus

Hier wird es so richtig gruselig: Denn dort, wo du jetzt stehst, sind im Jahr 1881 rund 400 Menschen auf schreckliche Weise umgekommen. Sie sind erstickt, verbrannt oder wurden erdrückt. Dieser 8. Dezember war einer der schwärzesten Tage in der europäischen Theatergeschichte. Du willst wissen, was passiert ist? Im Wiener Ringtheater war kurz vor Beginn der Vorstellung Feuer ausgebrochen. Sicherheitsvorkehrungen, wie wir sie heute kennen, spielten keine Rolle. Die Türen ließen sich nur nach innen öffnen und die Notbeleuchtungen funktionierten nicht. Das Publikum saß in der Falle – eine richtige Katastrophe nahm ihren Lauf. Das Ringtheater brannte bis auf die Grundmauern nieder. Es war nicht einmal möglich, die genaue Zahl der Opfer festzustellen.

Als Reaktion auf den Brand wurde am selben Standort auf Wunsch von Kaiser Franz Joseph das so genannte Sühnhaus errichtet. Der Kaiser finanzierte das neogotische Bauwerk sogar aus privaten Mitteln. Du willst wissen, wer zu den ersten Mietern des Sühnhauses zählte? Richtig, ein junger Arzt namens Sigmund Freud. Er war frisch verheiratet und hatte hier auch seine Praxis. Doch auch ihm brachte dieser Ort kein Glück. Freuds Patientin Pauline Silberstein stürzte sich 1891 im Treppenhaus in den Tod. Wenige Monate zuvor war außerdem Ringstraßenarchitekt Friedrich von Schmidt, der auch dieses Haus geplant hatte, hier gestorben. Ein richtig verwunschener Ort, wenn man so will. Kein Wunder, dass die Familie Freud von hier wegwollte. Sie zog noch im selben Jahr in die Berggasse 19. Doch damit war das Unglück nicht zu Ende: In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs ging auch das Sühnhaus in Flammen auf. Die Ruine wurde in den 1950ern abgerissen und an ihrer Stelle in den 1970ern ein Behördengebäude errichtet. Das ist zwar ziemlich schmucklos gestaltet, doch immerhin steht es bis zum heutigen Tag.

 

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