Die Akte Habsburg
In den frühen Morgenstunden des 30. Jänner 1889 durchbrachen zwei Schüsse die beschauliche Winternacht in dem kleinen Ort Mayerling vor den Toren Wiens. Schüsse war man in der Nähe des Jagdschlosses gewohnt. Doch Zeitpunkt und genauer Ort im Schloss waren mehr als ungewöhnlich. Für die Habsburger waren die Schüsse desaströs, wie sich recht schnell herausstellen sollte. In dieser Nacht erschoss der österreichisch-ungarische Thronfolger Kronprinz Rudolf zuerst seine junge Geliebte Mary Vetsera und dann sich selbst. Der Skandal war perfekt. – Doch Rudolf war nicht der einzige Habsburger, der im Laufe der Jahrhunderte straf- und verhaltensauffällig wurde. Abgesehen von den zahlreichen Kriegen, die die Habsburger anzettelten und hunderttausende Todesopfer forderten, waren es schwere Kapitalverbrechen und Ausübung psychischer Gewalt, die von Mitgliedern der mächtigsten europäischen Dynastie begangen wurden. Die meisten dieser Vergehen wurden nie geahndet. Kein Mitglied des Erzhauses, das seit 1282 fast 640 Jahre in Österreich regierte und die meiste Zeit davon in Wien residierte, landete im Gefängnis. Die Habsburger waren sakrosankt. – Höchste Zeit also, die Kriminalakte Habsburg zu öffnen und einen Blick in die dunklen Machenschaften der Kaiser:innen, Könige und Erzherzöge zu wagen.
Mord in der Familie
Schon der erste große Familienstreit endete im Mittelalter mit Mord. Und dem Verbrecher hätte damals eigentlich die Todesstrafe gedroht: Johann von Schwaben (1290-ca. 1313), Herzog von Österreich und Steiermark. Genannt „Parricida“ – auf Deutsch „Verwandtenmörder“. Er war nicht nur der Neffe des römisch-deutschen Königs Albrechts I., sondern auch sein Mörder. Johanns Vater war ein Sohn des ersten Habsburger-Königs Rudolf I. Er entstammte also dem innersten Kreis der Macht. Ihm hätte eine glorreiche Zukunft offenstehen müssen. Doch nach dem Tod Rudolfs I. 1291 blieb nichts vom Erbe des Königs für ihn übrig. Alle Macht fiel in die Hände seines Onkels Albrecht.
Vertröstungen folgten: ein entferntes Herrschaftsgebiet im Nordwesten des Heiligen Römischen Reiches eventuell, vielleicht Geld statt des verpassten Erbes. Jahre vergingen, nichts passierte. Als Johann dann auch noch bei der Wahl zum böhmischen König – trotz seiner Abstammung von einer böhmischen Prinzessin – übergangen wurde, kippte die Stimmung endgültig. Noch einmal forderte er von Albrecht seinen Erbteil, doch der blieb unnachgiebig. 1308 eskalierte der Konflikt: Bei einer Reise Albrechts I. in seine Stammlande in der Schweiz lauerte ihm Johann gemeinsam mit einer Gruppe Verschwörer auf. Johanns Angriff war brutal. Und tödlich. Mit einem Schwerthieb spaltete er seinem Onkel den Schädel. Der Mörder konnte fliehen und tauchte einige Jahre später fernab des Reiches im italienischen Pisa auf. Dort soll er 1312 vor Albrechts Nachfolger König Heinrich VII. um Gnade gefleht haben und wahrscheinlich nur ein Jahr später im Benediktinerkloster San Nicola gestorben sein. Kein Urteil wurde gefällt. Der Habsburger-Prinz kam ohne Strafe davon.
Tatort: Kanzlei
Nur 48 Jahre nach Albrechts Ermordung wurde sein Enkel Herzog Rudolf IV. „der Stifter“ (1339-1365) straffällig. Doch sein Vergehen war unblutig. Rudolf war getrieben von der Idee, aus dem Haus Habsburg eine große Dynastie mit einem fixen Platz am Tisch der europäischen Herrscherelite zu machen. Vor allem wollte er mit den sieben Kurfürsten, die für die Wahl der römisch-deutschen Könige und Kaiser verantwortlich waren und damit immense Macht besaßen, gleichziehen. Rudolf suchte nach einem legalen Weg. Doch das erwies sich als schwierig, denn die alteingesessenen Dynastien hielten nicht viel von den Emporkömmlingen aus der Schweiz. Also wählte der junge Herzog einen anderen Weg. Einen Weg der Täuschung, politischer Fälschung und gekonnter Machtinszenierung. Rudolf ließ fünf gefälschte Urkunden in Umlauf bringen, die angeblich aus den Jahrhunderten davor stammten. Sie sollten belegen, dass die österreichischen Herzöge schon seit Langem außergewöhnliche Vorrechte und eine privilegierte Stellung im Heiligen Römischen Reich hatten.
So wollte man zu einem höheren Rang kommen, der an die Kurfürsten heranreichte. Erstmals tauchte in diesem Urkundenkomplex, der als „Privilegium Maius“ in die Geschichte einging, der Titel Erzherzog auf. Ein Titel, den es bis dahin nicht gab und der auch heute noch einmalig ist: Nur Habsburgern steht er zu. Rudolfs Strategie ging allerdings nur langfristig auf. Der zu seiner Zeit regierende Kaiser Karl IV., sein Schwiegervater, erkannte das „Privilegium Maius“ als Fälschung, bestätigte aber immerhin einzelne Rechte. Offiziell anerkannt wurde es dann erst 1442 vom Habsburger-König und späteren -Kaiser Friedrich III. Rudolfs Urkundenfälschung war einer der größten und schlauesten Coups der Geschichte. Der Herzog agierte perfekt als Machtpolitiker und schummelte dem Heiligen Römischen Reich Rechtsdokumente unter, die ganz zufällig perfekt zu den habsburgischen Interessen passten. Aus einer Fälschung wurde politische Realität. Herzog Rudolf IV. liegt in den Katakomben des Wiener Stephansdoms begraben.
Game of Thrones im Habsburg-Style
In einem anderen Fall ging es um Macht, Misstrauen und blanken Hass. Im Jahr 1606 eskalierte der Kampf der beiden Habsburger-Brüder Kaiser Rudolf II. und Erzherzog Matthias. Zwar stammten die beiden aus demselben Haus, doch ihre Verachtung füreinander führte fast zur dynastischen Selbstzerstörung. Rudolf hatte sich schon 1582 aus Wien zurückgezogen und machte Prag zu seiner Residenzstadt. Auf dem Prager Hradschin schuf er sich seine eigene Welt, die geprägt war von Kunst, Wissenschaft und Okkultismus. Unter seiner Herrschaft erlebte Prag eine kulturelle Blüte. Rudolf sammelte Kunst, förderte Künstler und Gelehrte und war besessen von Alchemie.
Im Goldmachergässchen auf der Prager Burg wollte er Gold künstlich herstellen lassen. Freilich ohne Erfolg. Regieren interessierte ihn hingegen wenig. Auch privat entsprach er nicht dem typischen Herrscherideal. Er hatte keine Ehefrau und keine legitimen Kinder. Nur uneheliche Söhne, die selbst ein Fall für die Gerichte gewesen wären. Julius d’Austria, psychisch schwer krank, ermordete seine Geliebte auf grausame Weise. Ein anderer Sohn, Karl von Österreich, kam wahrscheinlich bei einem Raufhandel ums Leben. Rudolf fehlte, was jede Dynastie zum Überleben braucht: ein gesunder Stammhalter und Nachfolger. Und genau hier kam sein Bruder Matthias ins Spiel. Der saß in Wien und war wie so viele nachgeborene Erzherzöge zur Bedeutungslosigkeit verdammt. Wie Prinz Harry war auch Matthias nicht „the heir“ (der Erbe), sondern „the spare“ (die Reserve). Zahlreiche Versuche, in einem habsburgischen Teilreich Macht zu erlangen, gingen schief. Doch mit zunehmender Verwirrung Rudolfs und einer – gelinde gesagt – miserablen Aussicht auf legitime Nachkommen rückte Matthias als potenzieller Erbe seines Bruders in den Mittelpunkt. War jetzt seine Chance gekommen? Es begann ein habsburgisches Game of Thrones, das sogar der österreichische Schriftsteller Franz Grillparzer in seinem Trauerspiel „Ein Bruderzwist im Hause Habsburg“ literarisch verewigte: 1606 wurde Rudolf als Familienoberhaupt abgesägt. Von seinen eigenen Verwandten. Eine öffentliche Demütigung für den Kaiser. Das reichte Matthias aber noch lange nicht. 1608 musste Rudolf die Herrschaft in Ungarn, Mähren und Österreich an seinen Bruder abtreten. Drei Jahre später ließ sich Matthias zum böhmischen König wählen und nahm Rudolf am Prager Hradschin gefangen.
Der war zwar noch Kaiser, aber nur noch am Papier. 1612 starb Rudolf, und Matthias hatte sein Ziel erreicht: Er wurde zum neuen römisch-deutschen Kaiser gewählt. Das Glück währte aber nicht lange für ihn. Denn auch Matthias war kinderlos und sympathisierte noch dazu mit den Protestant:innen, die den erzkatholischen Habsburgern ein Dorn im Auge waren. Und plötzlich wiederholte sich die Geschichte. Wieder war es die eigene Familie, die Matthias entmachtet hat. 1617 wurde sein Cousin Ferdinand (II.) statt Matthias König von Böhmen, 1618 dann König von Ungarn. 1619 starb schließlich auch Matthias. Er wurde gemeinsam mit seiner Frau Anna von Tirol in der Wiener Kaisergruft begraben, die sie 1617 in Auftrag gegeben hatte. Sie war übrigens seine Cousine …
Böse Mutter
Dass die Habsburger gerne innerhalb der eigenen Familie heirateten und auch sonst eine sehr exzentrische Heiratspolitik betrieben, ist hinlänglich bekannt. Das war zwar kein Verbrechen, aber oft unschön. Arrangierte Ehen waren damals in allen Herrscherhäusern gang und gäbe. Doch was die legendäre Kaiserin Maria Theresia Mitte des 18. Jahrhunderts veranstaltete, war schon besonders perfide. Gemeinsam mit ihrem Mann Franz I. Stephan von Lothringen sicherte sie mit 16 Kindern, von denen zehn (!) das Erwachsenenalter erreichten, den Fortbestand der neu gegründeten Dynastie Habsburg-Lothringen. Diese Kinder waren für Maria Theresias politische Strategie von erheblichem Vorteil. Fast alle wurden von ihr auf dem Schlachtfeld europäischer Bündnispolitik geopfert. Die Kids waren Verhandlungsmasse. Das Motto der Habsburger lautete „Kriege mögen die anderen führen. Du, glückliches Österreich, heirate!“. Interpretationsspielraum: keiner. Besonders deutlich zeigte sich das 1756 beim sogenannten „Renversement des Alliances“ (Bündnisumkehr). Um gegen den immer stärker werdenden Friedrich II. von Preußen militärisch vorgehen zu können, verbündete sich Österreich nach 200-jähriger Feindschaft mit Frankreich. Zur Absicherung dieser neuen Allianz wurden fünf Habsburger:innen dazu gezwungen, Bourbon:innen in Frankreich, Spanien und Italien zu heiraten. Die prominenteste und tragischste dieser Verbindungen war jene Maria Antonias (Marie Antoinettes) mit dem französischen König Ludwig XVI. Wie diese Ehe endete, ist bekannt. Im Nachklang der Französischen Revolution von 1789 landeten beide auf dem Schafott.
Marie Antoinette musste ihren Kopf für die neu gestaltete Bündnispolitik ihrer Mutter hinhalten. Eine andere Eheschließung war besonders skurril: Maria Karolina von Österreich musste den unproportionierten, ungepflegten und ungebildeten König Ferdinand I. von Sizilien heiraten. Ihr Pech war nicht nur, dass der Gatte hässlich, sondern sie auch nicht die erste Wahl war. Ihre beiden älteren Schwestern, die Ferdinand eigentlich heiraten sollten, waren an den Pocken gestorben. Zuerst starb die erste Heiratskandidatin, dann die zweite. Maria Karolina war die dritte an der Reihe. Sie überlebte, aber musste die schwere Reise nach Sizilien antreten. Dieses Beispiel zeigt sehr deutlich, dass vor allem Frauen einfach ausgetauscht wurden. Letztendlich zählte nur die gute Herkunft. Und Mamas Wille. Maria Theresia war auch politisch nicht zimperlich und regierte mit harter Hand. So ließ sie Jüd:innen aus Prag ausweisen, weil sie sie der Kollaboration mit ihrem Erzfeind Friedrich II. von Preußen verdächtigte. Ihr religiös motivierter Judenhass wurde in den Biografien über die Kaiserin lange ausgespart. Auch die Zensur erlebte eine Blüte, und vor allem Unsittlichkeit wurde heftig bekämpft. Eine eigene Keuschheitskommission sollte Fremdgehen – auch bei ihrem eigenen Mann Franz Stephan! – verhindern, Prostituierte wurden überwacht und interniert. – Die so oft als gütige Landesmutter inszenierte Maria Theresia war eigentlich eine „böse Mutter“, die zwar so manche Reform initiiert hat, aber auch viel Unheil über ihre eigene Familie und ihre Untertanen brachte.
Ein Selbstmörder in der Kaisergruft?
Zurück zum Anfang der Geschichte: Kronprinz Rudolf und Mary Vetsera waren tot. Dieser Mord und Selbstmord rüttelten an den Grundfesten der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie. Viele Hoffnungen hatte man in den Thronfolger gesetzt, der im Gegensatz zu seinem Vater liberal eingestellt war und das Land nach dem Tod Franz Josephs in eine prosperierende Zukunft führen wollte. Doch jetzt war alle Hoffnung tiefer Trauer gewichen. Die Familie hatte es dennoch eilig, den Skandal so schnell wie möglich zu vertuschen. Die tote Mary wurde kurz nach dem Fund der Leichen eilig aus dem Jagdschloss entfernt und aufrecht sitzend in einer Kutsche drapiert. Man wollte den Eindruck erwecken, sie sei noch am Leben, sollte jemand sie erkennen. Ihre letzte Reise führte sie nach Heiligenkreuz bei Baden.
Die erst 17-Jährige wurde still und heimlich verscharrt, um den Skandal am Wiener Hof so klein wie möglich zu halten und den suizidalen Erzherzog zu schützen. Schnell war von einem Attentat und von Mord die Rede. Selbst Rudolfs Vater Franz Joseph tischte man anfangs die Geschichte von einem plötzlichen Herzversagen auf. Die Wahrheit war den Habsburgern nicht zumutbar. Letztendlich wurde Rudolf postum als irre bezeichnet. Er habe im Zustand geistiger Verwirrung gehandelt. Nur so konnte er in der Wiener Kaisergruft beerdigt werden. Einen Selbstmörder hätte man dort nie hineingelassen. Die Mär vom Mord hielt sich lange. Bis zum Ende ihres Lebens 1989 behauptete auch Ex-Kaiserin Zita, beide seien umgebracht worden. Um ein Kapitalverbrechen zu vertuschen, dass ein Mitglied des allerhöchsten katholischen Erzhauses begangen hatte.
Rätsel um wertvollen Diamanten
Aktuell liegt ein kniffliger Fall auf dem Tisch des österreichischen Kulturministers. Im Herbst 2025 sind Juwelen und Schmuck der Habsburger in einem kanadischen Schließfach aufgetaucht. Stücke, von denen man dachte, sie seien längst zerlegt, verkauft, verschollen. Unter ihnen ist der legendäre Diamant „Florentiner“. Mit fast 138 Karat war er einst einer der größten Diamanten der Welt. Mit zahlreichen anderen wertvollen Schmuckstücken wurde er im November 1918 im Auftrag Kaiser Karls I. aus der Kaiserlichen Schatzkammer entnommen und in die Schweiz gebracht. Dort verlor sich seine Spur.
Ein Teil des Schmucks wurde tatsächlich verkauft. Doch den Rest nahm Ex-Kaiserin Zita auf der Flucht vor den Nazis mit nach Kanada. Dort liegt er jetzt und wartet darauf, gezeigt zu werden. Doch davor muss geklärt werden, wem die Pretiosen gehören. Die Habsburger behaupten, sie seien Familienbesitz. Die Republik Österreich lässt gerade von der „Florentiner-Kommission“ prüfen, ob der Staat Anspruch darauf hat. Sollte dem so sein, steht ein jahrelanger Rechtsstreit bevor, dessen Ausgang ungewiss ist. Aber es wird ein weiterer Vermerk in der Akte Habsburg sein, die über die Jahrhunderte hinweg ziemlich dick geworden ist.