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Ein Tag im Zoo

Stanislaus, Viktor und Sam schauen uns mit verschlafenen Augen an. Die drei Bennett-Känguru- Jungs im Tiergarten Schönbrunn sind so viel Trubel bei ihrer Morgenfütterung nicht gewohnt. Es ist kurz vor 8 Uhr an einem warmen Augusttag. Revierleiterin Gerlinde Hillebrand ist schon seit einer halben Stunde im Dienst, um ihre Schützlinge zu versorgen. Wir dürfen sie einen Tag begleiten und ihr dabei über die Schulter schauen. Sie kennt „ihre“ Tiere sehr genau: „Stanislaus ist sensibel und schreckhaft. Sam hingegen ist der Zutraulichste“, verrät sie uns. Hillebrand und ihre sieben Mitarbeiter: innen kümmern sich jeden Tag fürsorglich um die Kängurus, Koalas, Großen Pandas, Giraffen, Hornraben, Zwergmangusten, Decken-Togos, Ratten, Roten Pandas, Kragenechsen und Blauzungenskinks in ihrem Revier.

Ihr Arbeitsplatz ist der älteste noch bestehende Zoo der Welt (1752 gegründet von Kaiser Franz I. Stephan, dem Ehemann Maria Theresias). Er ist aber gleichzeitig auch einer der modernsten. Bereits sechs Mal wurde er zum besten Zoo Europas gewählt. Und das hat einen guten Grund: Die historischen, engen Gehege wurden in den 1990ern geräumt und durch moderne, große, artgerechte Habitate ersetzt. Dort, wo früher ein Löwe sein trauriges Dasein fristete, stehen heute die Besucher:innen – vor Corona immerhin 2,3 Millionen pro Jahr.

„Wir begeistern Menschen.“

Seit 1. Jänner 2020 ist Stephan Hering-Hagenbeck Geschäftsführer des Zoos und damit Chef von 8.500 Tieren aus 700 Arten und rund 260 Mitarbeiter: innen, von denen 90 wie Hillebrand als Tierpfleger:innen arbeiten. Wie relevant Tiergärten sind, verrät er uns im Interview: „Wissenschaftlich geführte zoologische Gärten sind in unserer heutigen Zeit von enormer Bedeutung. In einer zunehmend urbanisierten Welt geht der direkte Kontakt zur Natur immer mehr verloren. In großen Städten ist der Zoo mitunter der einzige Ort, an dem man Natur erleben kann. Hier sehe ich die Kernaufgabe zoologischer Gärten – heute mehr denn je. Wir begeistern Menschen für und mit unseren Tieren und gewinnen sie für den Natur- und Artenschutz. Natürlich schaue auch ich mir gern Tierdokumentationen an. Aber es ist ein großer Unterschied, wenn ich Tiere live und mit allen Sinnen erleben kann.“

„Koalas sind unsere Diven.“

Mit Gerlinde Hillebrand sind wir mittlerweile zu den Nachbar:innen der Kängurus gewandert, den Koalas. Drei von ihnen leben derzeit im Zoo: Männchen Wirri Wirri, Weibchen Bunji und die gemeinsame Tochter Millaa Millaa. „Koalas sind unsere Diven“, erklärt Hillebrand schmunzelnd. Aber nicht wegen ihrer Allüren (die sie gar nicht richtig ausleben könnten, weil sie bis zu 18 Stunden pro Tag schlafen), sondern weil sie besondere Anforderungen an Hygiene und Futter stellen. Koalas fressen nämlich nur Eukalyptus. Der wird aus Belgien, England und der Schweiz geliefert – und aus Wien-Simmering: „Den lieben sie besonders, weil er noch extrem frisch ist, wenn er zu den Tieren in die Anlage kommt.“ Und tatsächlich: Selten haben wir so lebhafte Koalas gesehen, als die Biologin den Eukalyptus zu den beiden Weibchen ins Gehege bringt. Danach wird verdaut und wieder geschlafen. Wirri Wirri muss hingegen noch ein bisschen auf seine Portion warten. Er wird gewogen – auf einem Ast, der auf der Waage montiert ist. Damit er ruhig sitzt. „9,1 Kilo. Idealgewicht“, zeigt sich die gebürtige Oberösterreicherin zufrieden.

Während wir noch bei den Koalas sind, ist Hillebrands Mitarbeiterin Lea Hagler schon damit beschäftigt, das Futter für die anderen Feinschmecker:innen im Zoo vorzubereiten: Bambus. Für die beiden Großen Pandas Yang Yang und Yuan Yuan. Denn auch diese beiden Nahrungsspezialist: innen fressen fast nichts anderes. Der Bambus kommt aus Südfrankreich. Und aus dem Burgenland. „Von April bis Oktober werden jede Woche vom Burgenland 300 Kilo nach Wien geliefert, die dann bei 8 Grad gelagert werden“, erzählt Tierpflegerin Hagler. 30 Kilo davon vertilgt so ein Bär jeden Tag. Da Bambus ähnlich schwer verdaulich ist wie Eukalyptus, wird auch im Pandagehege gerne gepennt.

Mr. Pomeroy auf der Flucht?

Viel agiler ist Mr. Pomeroy, der ein paar Meter weiter lebt. Der nicht ganz unlustige Südliche Hornrabe teilt sich das Gehege mit den Giraffen. Die sind ihm aber scheinbar ein bisschen zu langweilig, weshalb er regelmäßig „ausbricht“, durch den Zoo marschiert und den Besucher:innen stolz gefangene Insekten präsentiert, bevor er sie verspeist. Danach kehrt er wieder freiwillig „nach Hause“ zurück. Die Giraffen Obi und Fleur werden derweil von Magdalena Höllerer mit Weide- und Feldahorn versorgt. Die zwei Tiere und die Tierpflegerin trennt ein Zaun. Hillebrand erklärt: „Wir sind extrem vorsichtig im Umgang mit Tieren, die uns potenziell gefährlich werden können. Dafür gibt es genaue Richtlinien.“ Denn wenn so eine Giraffe mal austritt, will man nicht neben ihr stehen.

Überhaupt wird hier im Zoo nicht mit den Tieren gekuschelt, wie viele glauben. Denn die Tiere sind, obwohl sie hier leben, wild. Auch der Tierpfleger: innen-Job ist kein leichter: „50 Prozent unserer Arbeit besteht aus der Reinigung der Anlagen. Und das kann bei großen Tieren, die auch entsprechend viel ausscheiden, Schwerstarbeit sein“, erzählt Hillebrand.

„Ich habe keine Berührungsängste.“

Zart besaitet sollte man also nicht sein. Die 45-Jährige, die ihre Diplomarbeit über Parasiten und ihre Dissertation über Kakerlaken (!) geschrieben hat, gesteht: „Ich habe da keine Berührungsängste. Und das ist auch gut so, denn wir müssen auch schon mal Tiere wie Mäuse, die andere niedlich finden, für unsere Hornraben töten. Und Insekten wie Heimchen, die zur Leibspeise der Kragenechsen und Blauzungenskinks zählen, sind auch nicht jedermanns Sache.“

Zu den Tätigkeiten der Mitarbeiter:innen gehört aber auch, die Tiere zu beschäftigen, damit ihnen nicht langweilig wird. Enrichment (dt. Bereicherung) nennt man das. Da wird dann schon mal Futter an schwer erreichbaren Stellen serviert oder ein Bällebad für die Roten Pandas aufgebaut. Außerdem hat der Zoo einen Bildungsauftrag. „Das heißt, wenn uns Besucher:innen etwas fragen, klären wir sie gerne auf. Das gehört zu unserem Job, macht Spaß und schafft Begeisterung für den Schutz bedrohter Arten.“

Und wie geht sie damit um, wenn mal ein Tier im Zoo stirbt? – „Das ist schon sehr emotional. Alles andere wäre gelogen. Und das ist auch wichtig, denn wenn ich mal so abgebrüht bin, dass mir der Tod eines Tieres nicht mehr nahe geht, habe ich den falschen Job.“ Nachsatz: „Viele der Tiere betreuen wir viele Jahre. Und dabei baut man natürlich eine Bindung auf.“

„Schönbrunn ist einzigartig.“

Wir sind bei den Roten Pandas angelangt. Die sind wesentlich kleiner als ihre schwarz-weißen Verwandten und halten sich bevorzugt hoch oben in Bäumen auf. Auf Bambus haben sie heute keine Lust, also reinigt die Tierpflegerin ihr „Klo“ (eine Baumhöhle), und wir ziehen weiter zu Zazu. Den Namen kennen viele aus dem Film „König der Löwen“: Zazu ist jener lustige Nashornvogel (oder Decken-Togo), der verzweifelt versucht, Simba vor dessen Onkel Scar und den Hyänen mit IQ unter Zimmertemperatur zu beschützen. Normalerweise stürzt sich Zazu gierig auf die von Hillebrand bereit gestellten Mehlwürmer. Doch er lässt uns wie die Roten Pandas abblitzen und sucht das Weite. „So ist das mit Wildtieren. Sie reagieren oft nicht so, wie wir es erwarten würden. Und das ist auch gut so.“

Unser Tag mit Hillebrand neigt sich langsam dem Ende zu. Wir wollen noch wissen, was sie Kritiker:innen entgegnet, die gegen Zoos sind und den fehlenden Platz in den Anlagen bekritteln: „Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass es den Tieren gut geht. Viele Leute glauben, dass das wichtigste für die Tiere möglichst viel Platz ist. Aber wenn ich einem Affen ein riesiges Gehege ohne Bäume hinbaue, wird er keine Freude haben. Struktur und Abwechslung sind wichtig. Und dafür sorgen wir.“

Und gibt es eigentlich auf der Welt einen vergleichbaren Zoo? – „Schönbrunn ist schon einzigartig. Barocke Substanz trifft auf moderne Tierhaltung. Das findet man sonst nirgends in der Form. Und um modern zu bleiben, müssen wir uns an wissenschaftlichen Studien beteiligen und die Ergebnisse dann auch umsetzen. Es ist eine laufende Veränderung – immer zum Wohl der Tiere.“

Und dazu gehört auch der Bau neuer Anlagen, wie Hering-Hagenbeck verrät: „Ein großes Projekt, das ich übernommen habe, ist ein neues Aquarium. Außerdem soll auf einer Erweiterungsfläche südlich des Tiergartens eine neue Elefanten-Anlage entstehen. Als jüngste Attraktion haben wir im Herbst 2021 eine deutlich größere Anlage für Mähnenspringer und Berberaffen eröffnet.“

Dass sich die Tiere wohlfühlen, merkt man, wenn man durch den ältesten noch bestehenden Zoo der Welt geht. Und sich die Zeit nimmt, Stanislaus, Viktor, Sam und Co. zu beobachten.


Text: Robert Seydel

Im Tiergarten Schönbrunn werden zahlreiche Erlebnisse angeboten. Unter anderem kann man die Giraffen füttern, bei den Koalas hinter die Kulissen blicken und den mächtigen Panzernashörnern ganz nah kommen. Alle Informationen dazu finden Sie auf www.zoovienna.at

Tiergarten Schönbrunn Eingang über Hietzinger Tor/Hietzinger Hauptstraße

Schönbrunner Schlosspark
1130 Wien
  • Vienna City Card

    • Ihr Vorteil mit der Vienna City Card: -16%

      Zusatzinformation zum Angebot: Normalpreis: 21,5€

  • Öffnungszeiten

    • täglich, 09:00 - 17:30
  • Barrierefreiheit

    • Haupteingang
      • stufenlos (Schwingtüre )
    • Parkplätze Haupteingang
      • Behinderten-Parkplätze vorhanden
        Elisabethallee, Eingang Tirolerhof
    • Weitere Informationen
      • Blindenhunde erlaubt
      • Behinderten-WC mit barrierefreiem Zugang vorhanden.
    • Spezielle Angebote für Menschen mit Behinderung

      Auf Anfrage spezielle Führungen für Menschen mit Behinderung und besonderen Bedürfnissen.

    • Anmerkungen

      Zugang zu den Ausstellungsräumen und Restaurant/Café stufenlos bzw. über Rampen.

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