Wiener Kanal mit Projektion einer Szene aus dem Film „Der dritte Mann“ mit Orson Welles
© Rainer Fehringer

Die Stadt unter der Stadt

„Länger als zwei Monate bleibe ich hier nicht“, war sich Michi sicher, als er seinen Dienst als Kanalarbeiter in Wien antrat. Der Satz fiel vor 30 Jahren. So lange arbeitet er nun schon im Wiener Untergrund. Heute führt er von Mai bis Oktober hauptsächlich Besucher auf den Spuren des Filmklassikers „Der dritte Mann“ durch Wiens Kanalisation. Die berühmtesten Szenen des Films – die Flucht des Penicillin-Schmugglers Harry Lime (Orson Welles) vor seinen Verfolgern – wurden hier gedreht. Vor 70 Jahren – am 31. August 1949 – feierte der Film in London seine Weltpremiere. Er machte Wien unsterblich. Obwohl das düstere, korrupte Nachkriegs-Wien mit seinen Abgründen und nicht der sonst gern inszenierte imperiale Glanz im Vordergrund des Schwarz-Weiß-Filmes steht, trat er seinen Siegeszug um die Welt an. „Der dritte Mann“ vermittelt ein authentisches Bild einer kaputten Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Er zeigt den Prater abseits von Vergnügen und Spaß, die Wiener Kanalisation als Stadt unter der Stadt, in der sich kriminelles Pack und Verlierer des Wiederaufbaus herumtreiben. Er zeigt das damals echte Wien. Für Regisseure wie Martin Scorsese und Steven Soderbergh ist „Der dritte Mann“ bis heute Inspirationsquelle. 1951 gewann er einen Oscar. Und das British Film Institute wählte den Film 1999 auf Platz 1 der größten britischen Filme aller Zeiten. Das Burgkino an der Wiener Ringstraße zeigt den Film nach wie vor mehrmals wöchentlich in der englischen Originalfassung.

Auch Michi kennt ihn natürlich, verrät aber: „Die Leute, die zu unseren Führungen kommen, interessieren sich mehr für die Arbeit der Kanalarbeiter.“ Dass die Arbeit im Wiener Untergrund hart ist, erleben wir bereits beim Abstieg. Schon auf der ersten Treppe ist klar: Dort unten stinkt es. „An den Geruch gewöhnt man sich schnell. Solange alles im Fluss ist, ist der Gestank auszuhalten“, erzählt Michi beim Abstieg. Das Schlimmste hier unten sind die kleinen Viecher: „Wenn du 30 cm tief in Sch**** und Schotter steckst und dann kommt dir noch eine Ratte entgegen, ist das nicht sehr witzig.“

Wir sind mittlerweile im ersten Raum angekommen. Das Wasser rauscht lautstark an uns vorbei. Hier wurde das Musikvideo zu Falcos Megahit „Jeanny“ gedreht. Michi erklärt, wie die Kanalarbeit funktioniert. Dass die 50.000 Kanaldeckel in Wien nur 60 mal 60 cm groß sind, zum Beispiel. „Die beste Motivation, um schlank zu bleiben“, scherzt er. An den Wänden sind Kabel zu erkennen: Glasfaserkabel österreichischer Telefonanbieter. Modernste Technologie, die in den alten Mauern hier unten dafür sorgen, dass oben alles reibungslos funktioniert.

Zu viel Gestank für Orson Welles

2.500 Kilometer ist das Wiener Kanalnetz heute lang. Jeden Tag wird eine halbe Milliarde Liter Abwasser durch das unterirdische Labyrinth in die Hauptkläranlage nach Simmering, an den tiefstgelegenen Punkt Wiens, weitergeleitet. „Bis zu 25 Meter unter der Oberfläche liegt der Arbeitsplatz der Kanalarbeiter“, erklärt Michi, während wir im wichtigsten Raum der 3. Mann Tour angekommen sind. Hier wurden alle Szenen für „Der dritte Mann“ gedreht. „Wirklich alle?“, fragen wir uns. Und Michi. Denn viel Platz ist hier nicht. – „Mithilfe geschickter Kameraeinstellungen und Schnitttechnik wurde die Verfolgungsjagd so inszeniert, als wäre Harry Lime durch die halbe Kanalisation gehirscht“, klärt Michi auf. Apropos Harry Lime: Schauspieler Orson Welles hat hier unten nur kurz vorbeigeschaut. Für ein paar Einstellungen. Es stank ihm zu viel. Alle weiteren Kanalszenen, in denen er erkennbar ist, wurden in einem Londoner Studio gedreht. Den Rest übernahm ein Double, das an seiner Stelle im stinkenden Untergrund ausharren musste.

An die Wand werden jetzt Ausschnitte des Films projiziert. Während sich unten das Abwasser seinen Weg bahnt, wähnt man sich ein bisschen wie im Kino.  Ein dumpfes Knallen reißt uns immer wieder aus der Konzentration. Es sind Autos, die über die Kanaldeckel donnern. Eine Erinnerung daran, dass das Leben oben weiter tobt.

Nach dem nächsten Raum, in dem es immer wieder mal nach Bier riecht, wenn in der Ottakringer Brauerei die Fässer gewaschen werden, landen wir beim Wienfluss. Ein riesiges Gewölbe versteckt den Stadtfluss auf einer Länge von zwei Kilometern. Hier stinkt es nicht mehr. Michi erklärt: „Ein gewaltiger Tiefspeicherkanal unter dem Fluss nimmt bei Regenwetter alles auf, was nicht in die normale Kanalisation passt. Das sieht man auch am klaren Wasser.“ Hier endet normalerweise die 3. Mann Tour, denn, so Michi: „Wenn es im Wienerwald regnet, ist es hier brandgefährlich. Der Wasserstand im Wienfluss steigt dann so schnell, dass man sofort raus muss.“

Dritte Mann Museum

Wir haben Glück: Über Wien ist strahlender Sonnenschein. Deshalb können wir in Begleitung der Kanalarbeiter ausnahmsweise ein Stück flussaufwärts wandern. An den Wänden finden sich Graffitis. Ein paar Hundert Meter weiter heißt es schließlich auch für uns: zurück nach oben. Als Michi die Tür am Ende der Treppen öffnet, staunen wir (und auch andere) nicht schlecht. Denn wir stehen mitten im Gastgarten eines Naschmarkt-Lokals. Dass wir uns so weit vom Startpunkt am Karlsplatz entfernt haben, wird uns erst jetzt bewusst. Im Untergrund verlieren sich Zeit und Raum. „Und unglaublich viele Smartphones, die ins Klo fallen und dann bei uns im Kanal landen“, wie uns Michi noch verrät.

Dass wir am Naschmarkt wieder ins Tageslicht eintauchen, hat einen simplen Grund: Unweit von hier entfernt befindet sich das Dritte Mann Museum. Die Betreiber Gerhard Strassgschwandtner und Karin Höfler wollen uns das Museum zeigen, in dem die Geschichte des Films und das Wien der Nachkriegszeit anschaulich dargestellt werden. Mit viel Liebe zum Detail und ausgeprägter Sammelleidenschaft ist hier ein Museum entstanden, das Besucher aus aller Welt anzieht. „Es ist das weltweit einzige Museum, das sich exklusiv einem Film widmet“, weiß Strassgschwandtner. Höfler ergänzt: „Highlights der über 3.000 Exponate starken Sammlung sind Kameras, Drehbücher, Kinoplakate und natürlich die Filmzither, auf der die legendäre Musik von Anton Karas eingespielt wurde.“ 2019 wird die Sonderausstellung „70 Jahre Filmpremiere ‚Der dritte Mann‘“ gezeigt (ab 27. April). Man merkt: Die beiden sind mit Herz und Seele dabei.

Das ist mittlerweile auch Michi. Die anfängliche Abneigung gegen seinen Job ist längst verflogen. Unter anderem, „weil die Kameradschaft unter den Kollegen hier unten einzigartig ist“, wie er versichert. Und das schon seit 30 Jahren.

Text: Robert Seydel

3. Mann Tour

Karlsplatz/Girardipark (vis-à-vis Café Museum), 1010 Wien
  • Preise

  • Öffnungszeiten

    • Mai bis Oktober
    • zu jeder vollen Stunde Do - So, 10:00 - 20:00
    • Letzte Führung um 19 Uhr, Mindestalter 12 Jahre, Anmeldung erforderlich
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Dritte Mann Museum

Pressgasse 25 , 1040 Wien
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