Außenansicht Domenig-Haus

Zurück zu:

Domenig-Haus: radikale Architektur

Die einen sprechen von einem havarierten Raumschiff, andere glauben in der Fassade eine Raupe zu erkennen und in Anlehnung an das Werk von Antoni Gaudí war im Wien der 1970er auch vom „Blech-Gaudí“ die Rede. Und Günther Domenig (1934-2012) selbst, der einer der wichtigsten österreichischen Architekten seiner Zeit war? Der sprach angesichts der expressiven Fassade, die zwischen 1975 und 1979 entstand, vom „Haus mit dem Knick“. Das beschreibt nicht nur die Optik des Hauses sehr treffend, sondern auch die Philosophie Domenigs hinsichtlich des Bauens: Er suchte den Bruch mit dem Herkömmlichen, sein Blick war vehement in die Zukunft gerichtet. Er sei ein Extremist, sagte er einmal über sich.

Außenansicht Domenig-Haus
© WienTourismus/Paul Bauer

Mit großem Erfolg: Das Domenig-Haus, eines der Hauptwerke des Architekten, hat damals weltweit Wellen geschlagen. Von Tokio bis Mailand war das Gebäude in aller Munde. Die Fachwelt war angesichts der extremen Architektur hellauf begeistert – Wiens Bevölkerung war naturgemäß eher skeptisch. Ein Haus wie eine Skulptur. Nicht nur von außen. Auch im Inneren regieren biomorphe Formen. Rechteckige Winkel und gerade Linien sucht man hier vergebens. 

Knochen, Sehnen und Häute 

Möglich wurde dieser revolutionäre architektonische Akt dank eines aufgeschlossenen Auftraggebers. Der damalige Generaldirektor der heute nicht mehr existierenden Zentralsparkasse der Stadt Wien, Karl Vak, sah die Rolle einer Bank auch darin, zeitgenössische Kunst und Kultur zu ermöglichen. Er wünschte sich von Domenig ein radikales Bankgebäude, um das fortschrittliche Denken des Geldinstituts in Form eines progressiven Hauses zu signalisieren. Und er hat es bekommen. Domenig schuf einen organartigen Körper, dessen biomorphe Strukturen an Knochen, Sehnen und Häute erinnern sollten. Vor allem die in den Vordergrund gespielten Lüftungsrohre im Inneren des Hauses schlängeln sich wie Adern durch die ersten zwei Geschoße. Sie stehen genauso wie die Fassade seit 2005 unter Denkmalschutz. Doch Bankgeschäfte werden hier schon lange keine mehr getätigt.  

Städtebauliche Aufbruchsstimmung 

Das Haus wurde in den 2000ern als Verlagsgebäude genutzt und dann als Galerie. Nach längerem Leerstand ist das Domenig-Haus seit 2022 der Kulinarik gewidmet und damit für die Öffentlichkeit zugänglich. Das Restaurant Kent serviert hier türkisch-levantinische Spezialitäten auf vier Ebenen. Wer ein Faible für besondere Architektur hat, nutzt am besten das tägliche Brunch-Angebot, um auch das Innere des Hauses erleben zu können. Es wartet eine Zeitreise in die 1970er, inklusive außergewöhnlicher Formensprache. Und es ist eine gute Gelegenheit, um in das Wien abseits der Innenstadt einzutauchen.

Das Domenig-Haus befindet sich in der Favoritenstraße im migrantisch geprägten 10. Wiener Gemeindebezirk, direkt bei der U1-Station Keplerplatz. Hier wurde auch ein Stück Wiener Verkehrsgeschichte geschrieben. Bei diesem U-Bahn-Abschnitt handelte es ich um die erste vollkommen neu errichtete U-Bahn-Trasse Wiens, die 1978 in Betrieb ging. Zeitgleich entstand mit der Favoritenstraße eine der ersten großen Fußgängerzonen Wiens. Es herrschte städtebauliche Aufbruchsstimmung. Der Blick war in die Zukunft gerichtet. Und in diesem Zusammenhang muss auch das Domenig-Haus betrachtet werden, das sämtliche architektonischen Konventionen zertrümmerte.

Tipp: Exklusive Führungen

Sie wollen alles über dieses besondere Wiener Bauwerk wissen? Der Verein Architekturerbe Österreich bietet monatliche Führungen durch das Domenig-Haus. Doch es heißt schnell sein: Diese außergewöhnliche Architekturführung ist oft früh ausgebucht.

Text: Johannes Luxner

Domenig-Haus

Feedback

Lust auf mehr?