Wandbemalungen in der Wiedner Hauptstraße 78: Kruella d’Enfer interpretiert Schieles „Auf dem Bauch liegender weiblicher Akt“ und der Brasilianer Kobra „Klimt mit Katze“

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Street-Art in Wien: Ein Farb-Spektakel

Urbane Kunst ist in Wien nicht mehr zu übersehen. Ob beim Spaziergang oder beim Blick aus einem Verkehrsmittel – unter Wiens freiem Himmel begegnet man Kunstwerken aller Art. Oftmals sind es fantasievoll und meist farbenfroh gestaltete Wände, Fassaden und Hauseingänge, aber selbst einige U-Bahn-Stationen sind kleine Kunstwerke. Unzählige Initiativen setzen sich in Wien schon lange dafür ein, dass sich Outdoor-Kunst entfalten kann.

Die Institution „KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien“ initiierte und förderte seit ihrer Gründung 2004 bereits knapp 300 temporäre und permanente künstlerische Projekte im öffentlichen Raum, darunter viel Street-Art. So wird Zeitgenössisches für alle erlebbar gemacht und öffentlicher Diskurs ermöglicht. Das Wien Museum am Karlsplatz, das Ende 2023 nach dem großen Aus- und Umbau neu eröffnen will, funktionierte seinen Bauzaun 2021 und 2022 kurzerhand zur Street-Art-Fläche um.

Und nicht vergessen darf man das Projekt „Wienerwand“: Unter der Schirmherrschaft der Stadt werden seit 2005 ausgewählte Wände in ganz Wien zur Verfügung gestellt, die jede:r künstlerisch nutzen kann. Als Erkennungszeichen dient das Symbol der „Wiener Taube“. Epizentrum der Street-Art ist zweifelsohne der Wiener Donaukanal. Das innerstädtische Areal entlang des Donauarms ist eine regelrechte Outdoor-Ausstellung. Wände, Geländer und Bögen sind oft mit einer zentimeterdicken Farbschicht bedeckt. Hier entstand in den vergangenen Jahren eine der größten Freiluft-Galerien Europas, in der Szene „Hall of Fame“ genannt.

Wien zieht an

Mit „Calle Libre“ hat Wien seit 2014 auch ein eigenes Festival für Street-Art, das mittlerweile größte Mitteleuropas. „Als wir begonnen haben, war Kunst im öffentlichen Raum vielerorts noch als ‚Schmiererei‘ verpönt und wurde als Stiefkind der Kunst betrachtet“, erzählt Jakob Kattner, der Calle Libre („freie Straße“ aus dem Spanischen) nach einer Studienreise durch Lateinamerika ins Leben gerufen hat. Das Festival für urbane Ästhetik vereint bildende und darstellende Kunst mit neuen Medien und findet jedes Jahr im Sommer statt.

Über 70 teils meterhohe Wände in 13 Bezirken wurden bisher von heimischen und internationalen Street-Art-Künstler:innen gestaltet. Denn die Stadt genießt weltweit einen hervorragenden Ruf. Kattner: „Wien gilt weithin als Mekka der Kunst. Das zieht natürlich viele Artists an.“ Einige finden hier ganz besondere Inspiration, wie die beiden internationalen Street-Art-Stars Kobra und Kruella d’Enfer, die sich 2018 mit ihren noch immer bestehenden Wandbildern (Murals) im 4. Bezirk an die Wiener Größen Gustav Klimt und Egon Schiele anlehnten.

Lust auf bunt

Kattners Vision? Wien bunter zu machen. Das kommt auch bei den Wiener:innen gut an. „Die Akzeptanz für Street-Art seitens der Bewohner:innen ist mit den Jahren kontinuierlich gestiegen“, erzählt der Festival-Gründer: „Wir wollen die Stadt mitgestalten, Diskurs ermöglichen und interkulturellen Austausch fördern. Wir konnten in den letzten Jahren zeigen, dass Urban Art eine ernst zu nehmende zeitgenössische Kunstströmung ist. Das positive Feedback dazu freut uns natürlich.“ Street-Art entflieht schon lange dem Klischee, Vandalismus zu sein. Auch Kulturinstitutionen suchen immer öfter die Zusammenarbeit, wie gemeinsame Initiativen des Calle Libre mit dem mumok, der Albertina, dem Wien Museum und dem Weltmuseum Wien zeigen.

Im August 2022 ging Calle Libre neue Wege. In den acht Jahren zuvor bespielte man verschiedene Orte über die Stadt verteilt. Diesmal wurde erstmals an nur einer fixen Location eine Woche lang gemalt, gesprayt und gefeiert. Am Gelände des brachliegenden Nordwestbahnhofs in Wien-Brigittenau – einst fertiggestellt im Zuge der Wiener Weltausstellung 1873 – gestalteten 22 Artists Seite an Seite eine 400 Meter lange Wand. Die Möglichkeit, sich auszutauschen, kam besonders gut an. Dazu gab´s Musik-Acts, Street-Art-Führungen, Workshops, Panel Talks und vieles mehr. 18.000 Besucher:innen hatten ihren Spaß. Das herrliche Sommerspektakel Anfang August 2022 hatte nur einen Wermutstropfen: Die farbenfrohe Wand wird jenes Schicksal ereilen, das urbane Kunst immer wieder begleitet – sie hat ein Ablaufdatum. Street-Art-Künstler:innen können sich verwirklichen, aber eben meistens nicht verewigen.

Platz für Neues

Die Wand wird nämlich abgerissen, auf dem Gelände des Nordwestbahnhofs entsteht ab 2024 ein imposanter neuer Stadtteil, der auch eine zehn Hektar große Grünfläche, die sogenannte „Grüne Mitte“, beinhalten wird. Das insgesamt 44 Hektar große Areal – das größte verbliebene innerstädtische Entwicklungsgebiet Wiens – soll im Endausbau 15.000 Menschen ein neues Zuhause bieten und 4.500 Arbeitsplätze entstehen lassen.

Zurück zur Street-Art. Die ist eben vergänglich, sie lebt im Moment. Wobei: Zwei Highlights des Festivals 2022 sollen noch eine Weile erhalten bleiben: ein von Thiago Mazza (Bra) gestalteter 30 Meter hoher Wohnturm, der an das Festival-Gelände grenzt, sowie das von Bordalo II aus Portugal aus Müll entworfene und von KÖR geförderte Riesen-Eichhörnchen „Trash Animal“. Es soll konserviert werden und im neuen Stadtteil einen Platz finden. Und für 2023, fürs Zehnjährige, schmiedet Calle Libre bereits Festival-Pläne. Jakob Kattner: „Das Jubiläum muss natürlich etwas Besonderes werden.“ Neue Street-Art ist bereits in Planung, neue Farbtupfer für Wien sind garantiert …

Mehr über Street-Art in Wien erfahren

Video über die Graffitiszene in Wien

Text: Maria Schaller

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