Bäume braucht die Stadt
Bäume gehören zum Stadtbild von Wien, ganz selbstverständlich. Sie sind einfach da, leben mit uns und arbeiten rund um die Uhr für unser Wohlbefinden. Ganz unbemerkt produzieren Bäume das Lebenselixier Sauerstoff. Sie filtern und reinigen, kühlen und befeuchten die Luft und machen unseren Lebensraum erst lebenswert.
Grünlage
Wien ist in der glücklichen Lage, zu den grünsten Städten Europas zu zählen. Rund die Hälfte des Wiener Stadtgebietes ist Grünfläche, ein im internationalen Vergleich bemerkenswert hoher Wert. Der Wienerwald im Westen Wiens spielt hier eine Hauptrolle. Mit der Lobau und ihren Auwäldern befindet sich im Osten der Stadt sogar ein Teil des Nationalparks Donau-Auen. Hinzu kommen noch über 1.000 Parkanlagen und weitere ausgedehnte Grünoasen wie der Prater und der Lainzer Tiergarten. In Zeiten einschneidender Klimaveränderungen ist der Wert dieser grünen Naherholungsräume gar nicht hoch genug einzuschätzen. Sie leisten einen essenziellen Beitrag zum Wohlbefinden der Stadtbewohner:innen und Besucher:innen, zur Lebensqualität und Attraktivität der Stadt.
Hot in the City
Das Klima verändert sich weltweit, infolgedessen verändert sich auch das Leben in Städten nachhaltig. Jede und jeder leidet, wenn die Stadt vor Hitze glüht und jede Schattenfläche genutzt wird, um der prallen Sonne zu entfliehen. Städte sind aufgrund dichter Bebauung, versiegelter Flächen, fehlender Vegetation und zusätzlicher Wärmequellen wie Verkehr oder Klimaanlagen besonders hitzeanfällig. In den dicht bebauten innerstädtischen Bereichen Wiens kommt es zu wahren Hitzepolen und zu sogenannten „urbanen Hitzeinsel-Effekten“. Das betrifft nicht nur Verkehrsflächen und sogenannte „Asphaltwüsten“ wie zum Beispiel den Schwarzenbergplatz, sondern auch die charmanten engen Gässchen von Spittelberg bis Blutgassenviertel. „Die Häuser beschatten sich zwar gegenseitig, aber wenn die sich aufgeheizt haben, bleibt die Wärme durch die Reflexion der Abstrahlung in den Gassen“, erklärt Christiane Brandenburg. Sie war Projektleiterin des „Urban Heat Islands“- Strategieplans für Wien, der bereits vor zehn Jahren entwickelt wurde und der Stadt seither als Grundlage bei Stadtentwicklungsprojekten dient.
Mehr Grün für die Stadt
Angesichts der klimatischen Entwicklungen setzt die Wiener Stadtregierung auf umfangreiche Neupflanzungen von Bäumen, den flächendeckenden Ausbau der „grünen Infrastruktur“ – etwa mit Dach- und Fassadenbegrünungen oder Heckenpflanzungen – sowie auf Entsiegelungsprojekte, um die bereits hohe Lebensqualität halten und noch verbessern zu können. All diese Maßnahmen haben unmittelbare Auswirkungen auf Gesundheit, Umwelt und Klima: Neben Beschattungs- und Kühleffekten durch Verdunstung führen sie zur Bindung von Feinstaub sowie CO₂, dienen der Wasserrückhaltung sowie der Förderung der Biodiversität in der Stadt.
Daher wird in Wien seit 2021 mit speziellen Fördergeldern weiter entsiegelt, begrünt und gekühlt. Die Stadt soll vor allem im dichtverbauten Gebiet grüner werden. Unter dem Slogan „Raus aus dem Asphalt“ wurden und werden rund 350 Projekte in allen 23 Bezirken Wiens umgesetzt. Ganze Straßenzüge und Plätze werden klimafit gemacht und urbanen Hitzeinseln wird der Kampf angesagt. Im Rahmen dieser Projekte wurden bisher rund 85.500 Quadratmeter in Straßen und auf Plätzen begrünt, es werden insgesamt circa 25.000 Stadtbäume gepflanzt, davon rund 3.000 Bäume an 500 neuen Standorten, und auch Wasserspiele, Sprühnebelanlagen und Trinkwasserbrunnen installiert. In Zeiten des Klimawandels sind Bäume neben ausreichenden Wasserressourcen notwendiger denn je. Sie sind wahre Wasser- und Klima Regulierungsmaschinen. Hier einige Daten, um dies eindrücklich zu veranschaulichen: Ein ausgewachsener Stadtbaum spendet bis zu 150 Quadratmeter Schatten, kühlt seine Umgebung im Sommer um bis zu drei Grad und verdunstet gut 400 Liter Wasser pro Tag. An einem Sommertag nimmt er 18 Kilo CO₂ auf und produziert 13 Kilo Sauerstoff – und er dämpft nicht nur Lärm und Wind, sondern bindet auch bis zu einer Tonne Staub pro Jahr.
Welche Bäume braucht die Stadt?
Doch nicht jeder Baum eignet sich als Stadtbaum. Stadtbäume und unter diesen die Straßenbäume sind die Pioniere, die wahren Helden der Pflanzenwelt. Sie müssen mit besonderen Stressfaktoren zurechtkommen. Dazu zählen Verkehr, Bodenverdichtung und -versiegelung, unterirdische Einbauten, Bauarbeiten, die Abstrahlhitze von Glas- und Betonfassaden und natürlich die steigenden Temperaturen. Noch findet sich der Ahorn am häufigsten in Wiens Straßen, gefolgt von Linde und Rosskastanie. Doch diese Klassiker unter den Wiener Bäumen werden kaum mehr nachgepflanzt. Umfangreiche Studien und langjährige Versuchsprojekte von Expert:innen wie zum Beispiel der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau in Schönbrunn oder der Universität für Bodenkultur Wien tragen maßgeblich zur Entwicklung neuer Strategien für eine künftige Stadtvegetation angesichts des fortschreitenden Klimawandels bei. Die Studien belegen es: Das Anforderungsprofil für Stadtbäume hat sich geändert. Daher setzen die Wiener Stadtgärtner:innen bei der Auswahl neuer Straßenbäume nunmehr auf hitze- und trockenresistente sowie langlebige Arten, die in Südosteuropa und in Teilen Asiens beheimatet sind. Darunter finden sich spezielle Ulmen-, Eschen- und Platanensorten, der Zürgelbaum, der Gingkobaum, der japanische Schnurbaum oder die chinesische Zierbirne.
Baumschutz und Baumkataster
Bäume stehen in Wien seit mehr als 50 Jahren unter besonderem Schutz. Sobald ihr Stamm 40 Zentimeter Umfang misst, fallen sie unter das Wiener Baumschutzgesetz und sind vor einer Rodung geschützt. Wer trotzdem einen Baum fällen will, braucht dafür nicht nur eine behördliche Genehmigung, sondern muss den Baum auch nachpflanzen. Wer keinen Ersatzbaum pflanzen kann, muss dafür eine Ausgleichsabgabe zahlen. Dieses Gesetz gilt auch auf privaten Grundstücken. Und wie viele Bäume in der Stadt stehen, ist bekannt. Der Bestand der rund 480.000 Bäume in der Stadt ist nämlich weitestgehend im Wiener Baumkataster erfasst, der im digitalen Stadtplan auf wien.gv.at unter der Rubrik Umweltgut – „Bäume und Grünflächen in Wien“ zu finden ist. Hier sind Bäume in Alleen von Straßenzügen, in Parks, zwischen Gemeindebauten und waldähnlichen Flächen registriert. Die Informationen zu jedem Baum umfassen Standort, Baumart, Stammumfang, Höhe und Krone, teilweise auch das Pflanzjahr. Mehr als 3.300 der im Kataster verzeichneten Bäume sind älter als 100 Jahre, fast 40 sind sogar über 200 Jahre alt. Der älteste Baumriese Wiens ist eine Morgenländische Platane vor dem Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien am Rennweg 14. Sie ist rund 280 Jahre alt und ihr Stammumfang beträgt mehr als sechs Meter.
Wasser für die Bäume
Die alten Baumriesen und Naturdenkmäler in der Stadt haben im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte vieles erlebt und überlebt. Aber auch ihnen setzen die immer häufiger auftretenden Trockenperioden und Hitzewellen zu. Hier kommt das Thema der Bewässerung und der Verfügbarkeit von Wasser ins Spiel. Wien ist in der glücklichen Lage, über die Wiener Hochquellenleitungen täglich bis zu 437 Millionen Liter Gebirgswasser aus den Alpen zu beziehen. Diese große Menge reicht während Hitzewellen jedoch nicht aus, zusätzlich die gesamte städtische Grüninfrastruktur zu bewässern. Expert:innen fordern daher eindringlich den Ausbau des Schwammstadt-Prinzips in Wien, wodurch Bäume im Wurzelbereich auch unter Straßen, Parkplätzen und Gehwegen mehr Platz erhalten. Das Wasser kann so besser gespeichert bzw. zurückgehalten werden und steht den Bäumen länger zur Verfügung. Überflutungen bei Starkregen-Ereignissen können damit abgeschwächt oder verhindert werden und das wertvolle Regenwasser wird nicht einfach nur in die Kanalisation abgeleitet. Weiters sollte zukünftig Dachwasser auf öffentlichen Grund abgeleitet werden, um damit die Stadtbäume mit Wasser zu versorgen. Bäume sind die grünen Lungen der Stadt und machen unseren Lebensraum erst lebenswert. Doch Bäume brauchen dafür Zeit. Nach rund zehn Jahren Wachstum hat ein Baum je nach Art erst einen Stammumfang von circa 20 Zentimetern. Es ist entscheidend für unsere Zukunft, sich die Zeitdimension und das einzigartige Wirken der Bäume bewusst zu machen. Denn jeder neue Baum, der gepflanzt wird, ist ein Versprechen auf Schatten an heißen Tagen, auf Luft zum Atmen, auf Leben mitten in der Stadt.
Text: Andrea Ortmayer