Wien im Vampirfieber
Wien gilt als Stadt der Musik, der Kunst und des Genusses. Weniger bekannt ist, dass die Stadt auch eine Schlüsselrolle in der Geschichte des Vampirismus spielte – allerdings nicht als Ort des Grauens, sondern als Ort der Aufklärung. Als Berichte über angebliche Untote die Monarchie verunsicherten, war es ein Wiener Arzt, der sich auf den Weg in den Osten des Habsburgerreiches machte, um ein für alle Mal mit diesem Aberglauben aufzuräumen: Gerard van Swieten.
Gerard van Swieten – Leibarzt und Aufklärer
Gerard van Swieten wurde am 7. Mai 1700 in den Niederlanden geboren. Er gehörte zu jener neuen Generation von Medizinern, die nicht auf Mythen, sondern auf wissenschaftliche Erkenntnisse setzte. Als Schüler des berühmten Mediziners Hermann Boerhaave erlangte er rasch internationales Ansehen – auch im österreichischen Kaiserreich.
1745 holte Maria Theresia Van Swieten nach Wien und machte ihn zu ihrem Leibarzt. Die regierende Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen wurde zwar nie zur Kaiserin gekrönt, ging aber als mächtigste Frau der Habsburgerdynastie in die Geschichte. Van Swieten wurde bald zu einem ihrer wichtigsten Berater – nicht nur in medizinischen Fragen, sondern auch bei Reformen des Bildungs- und Gesundheitswesens. Skepsis gegenüber Aberglauben und ein konsequentes Vertrauen in die Wissenschaft prägten sein Denken – typisch für die Epoche der Aufklärung.
Seine große Leidenschaft galt der Medizin. Van Swieten reformierte die ärztliche Ausbildung grundlegend, führte den Unterricht direkt am Krankenbett ein, machte die Chirurgie zu einem eigenen Fach und holte bedeutende Wissenschaftler nach Wien. Mit neuen Spitälern, Laboren, Lehranstalten und modernen Behandlungsmethoden legte er den Grundstein für die Erste Wiener Medizinische Schule, die weltberühmt wurde. Auch die Initiative für einen botanischen Garten als Hortus Medicus geht auf ihn zurück – ein bis heute sichtbares Zeichen seines Wirkens.
Vampirfieber im Habsburgerreich
Im frühen 18. Jahrhundert erfasste ein regelrechtes Vampirfieber weite Teile des Habsburgerreiches. Es war nicht Transsilvanien, sondern das heutige Serbien, Grenzregionen im Südosten des Kaiserreiches, wo sich Berichte über Tote, die angeblich aus ihren Gräbern zurückkehrten, häuften. Aus dieser Angst begann man bei Exhumierungen Körper von Verstorbenen auf „auffällige“ Merkmale zu untersuchen: Angeblich gewachsene Haare und Nägel oder Blut am Mund waren damals eindeutige Beweise für Vampirismus. Die Furcht war so groß, dass Pfählungen und Verbrennungen zu gängigen Maßnahmen wurden.
Am 21. Juli 1725 erscheint erstmals der Begriff „Vampyri“ in der Wiener Zeitung (damals noch "Wienerisches Diarium“) und gilt als Bezeichnung für angebliche Untote, die nachts die Lebenden heimsuchten. Damit ist der Vampirglaube nun auch im Kaiserhaus angekommen. Maria Theresia reagierte schließlich auf die Unruhen und ließ die Vorfälle von ihrem Leibarzt höchst persönlich wissenschaftlich untersuchen. Dieser kommt relativ bald zu der Ansicht, dass es sich dabei um eine epidemische Erkrankung handelt, die mit Fieber einhergeht, was zu Halluzinationen führt. 1755 stellte ein Erlass Totenschändung unter dem Vorwand der Vampirabwehr unter Strafe, Berichte über Vampirismus und sogenannte Magia posthuma unterlagen fortan der Zensur. Das Vampirfieber wurde von Wien aus eingedämmt.
Van Swieten und Graf Dracula
Um dem Spuk auch intellektuell ein Ende zu setzen, veröffentlichte van Swieten 1768 seine „Abhandlung des Daseyns der Gespenster, nebst einem Anhange vom Vampyrismus“. Darin setzte er sich grundlegend mit dem Glauben an Vampire, Geister und Gespenster auseinander. Er sprach von einer selbstgewählten Dunkelheit des Geistes und bezeichnete den Vampirglauben als Ausdruck von Leichtgläubigkeit und Unwissenheit des Volkes. Das Werk ist bis heute in der Österreichischen Nationalbibliothek erhalten und online abrufbar.
Kein Wunder also, dass eine so herausragende Persönlichkeit wie Gerard van Swieten auch literarisch verewigt wurde, denn seine Person gilt als Vorlage für den Vampirjäger Abraham van Helsing aus Bram Stokers Roman „Dracula“.
Van Swieten heute in Wien
Gerard van Swieten ist im Wiener Stadtbild bis heute präsent. Als Namensgeber der Van-Swieten-Gasse im 9. Bezirk beispielsweise. Die Medizinische Universität Wien würdigte Van Swieten unter anderem mit der Benennung ihres Festsaals als Van-Swieten-Saal.
Fast lebensgroß findet man Van Swieten am Maria-Theresien-Denkmal zwischen dem Kunsthistorischen Museum Wien und dem Naturhistorischen Museum Wien. Dort steht er als eine der zentralen „Stützen des Thrones“, auf dem Maria Theresia thront. Im Naturhistorischen Museum selbst findet man van Swieten auf der Haupttreppe auf dem berühmten Kaiserbild. Es ist selbstverständlich, dass bei Restaurierungen desselben überraschende Übermalungen und verborgene Figuren noch vor nicht so langer Zeit ans Licht gekommen sind.
Als Direktor der Hofbibliothek, der Vorgängerin der Österreichischen Nationalbibliothek, modernisierte er die Büchersammlung und sorgte für den gezielten Ankauf aktueller wissenschaftlicher Literatur aus Westeuropa. Heute erinnert eine Büste im Prunksaal an ihn. Sie stammt von seinem Grabmal in der Augustinerkirche. Gerard van Swieten starb am 18. Juni 1772 in Schönbrunn.